...

Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmens. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. (...) Und aufgrund der Vereinzelung des sich selbst ausbeutenden Leistungssubjekts formiert sich kein politisches Wir, das zu einem gemeinsamen Handeln fähig wäre. Wer in der neoliberalen Leistungsgesellschaft scheitert, macht sich selbst dafür verantwortlich und schämt sich. (...) (Man) richtet die Aggression gegen sich selbst. Diese Autoaggressivität macht den Ausgebeuteten nicht zum Revolutionär, sondern zum Depressiven.
--
Die smarte Macht schmiegt sich der Psyche an, statt sie zu disziplinieren. Sie erlegt uns kein Schweigen auf. Vielmehr fordert sie uns permanent dazu auf, mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen. Diese freundliche Macht ist gleichsam mächtiger als die repressive Macht. Sie entzieht sich jeder Sichtbarkeit. Die heutige Krise der Freiheit besteht darin, dass wir es mit einer Machttechnik zu tun haben, die die Freiheit nicht negiert oder unterdrückt, sondern sie ausbeutet.


Byung-Chul Han, "Psychopolitik - Neoliberalismus und die neuen Machttechniken"

propaganda!

https://www.youtube.com/watch?v=sQoz1jiM4Mk

Hören Sie nun ein Gespräch über das Scheitern

Mit Martin Blitz, Lia Sündemann und Franz-Xaver Franz.

https://soundcloud.com/lebensmensch-1/radio-ranking-king-scheitern

Be Who You Are - Außergewöhnlich ist jeder von selbst. Oder: Zur psychologischen Voraussetzung guter Kunst


Wenn einer ein guter Schriftsteller ist, schreibt er eh das, was notwenig ist, für ihn und für andere auch, da braucht er gar nicht viel nachdenken. Da 99% der Schriftsteller ständig nachdenken, wie sie die Welt verbesern sollen und wie sie sich einschmeicheln sollen bei den sogenannten Lesern, schreiben sie alle schlechte Bücher, die keinen Menschen interessieren.
Außergewöhnlich ist ja jeder von selber. Wenn er aber anfängt nachdenken warum, ist ers schon nicht mehr und verliert alles.

Thomas Bernhard

Auch wenn wir längst beschlossen und eingesehen haben und also begiffen haben, dass es sich bei Thomas Bernhard um den größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts handelt, neben all den anderen größten Schriftstellerinnen und Schriftstellern des zwanzigsten Jahrunderts, die wir überhöhen müssen, um nicht von ihnen erdrückt zu werden, überrascht es doch immer wieder, wie unvermittelt die wärmsten Funken des sprühendsten Humanismus aus dem hl. Thomas herausgeschossen sind, und welch umfassendes Menschenverständnis er hatte und also welch umfassende Menschenliebe er hatte, denn die einzig wahre Menschenliebe ist das Menschenverständnis, es allein kann zu Subjektwerdung meines Gegenübers führen, denn das, was ich nicht verstehe, bleibt für mich abstakt wie eine mathematische Formel, die Atombombe, oder der Ehering an meiner wundgewixten Hand.
Das oben angeführte Zitat, kein Textauszug, sondern die Transkription eines Interviews (Die Ursache bin ich selbst, Krista Fleischmann), zwei Jahre vor seinem Tod, zeigt Bernhard merhrfach, beinahe umfassend. Die ganze Literatur erklärt in einem Satz, aber das ist eh klar, das kennt man ja von Bernhard. Jedoch den Autor, den Künstler, als ein autonomes weil individuelles und lediglich aus sich selbst heraus schaffendes Wesen zu postulieren, und das, ohne irgendeinen naiven Geniekult zu kopieren und ohne ins Fahrwasser von Nietzsches Übermensch-Tralala zu geraten - das überrascht doch einigermaßen, einiger einiger maßen!
"Außergewöhnlich ist jeder von selber. Wenn er aber anfängt nachdenken warum, ist ers schon nicht mehr und verliert alles." Was Bernhrad da sagt, könnte in anderen Worten beinahe auch in der Brigitte stehen oder in einem LadyGagaSong: Sei ganz du selbst, dann wirst du es schaffen. Aber während LadyGaga nichts anderes tut, als sich außergewöhnlich zu machen, und somit in der gähnensten Gewöhnlichkeit untergeht, nicht ohne aber dieses Sich-außergewöhnlich-Machen als zwar unmögliches, aber dröhnendes und allgegenwärtiges Diktum zu reflektieren und also ihr eigenes Scheitern zu besingen und Tag für Tag aufs Neue ihre Selbstabschaffung zu vollziehen, um mühsam aufgerichtet Tags darauf wieder in sich zusammenzufallen, was allerdings - und hier dulde ich keinen Widerspruch - kaum einer ihrer kreischenden Fans versteht, sondern was nur ein Fressen für die ausgehungerten Popintellektuellen darstellt, die sich auf LadyGaga stürtzen, geradezu verzweifelt, weil sie einen neuen Warhol heraufbeschwören wollen, weil sie sich so daumendrückend nach Versöhnung mit dem Status Quo und also mit dem Kapitalismus sehnen, und damit genauso wie die GagaFans an der Balkanpopydra zu Grunde gehen, sind die Bernhardianer von vornherein schon so verkommen und hoffnungslos und an der Totalität und nicht der Komplexität interessiert, dass diesen Schmalspurfaschos nichts mehr zu nehmen und kaputt zu machen ist, weder, indem man ihnen Individualität zu- noch abspricht. Es ist kein Versprechen, das Bernhard da gibt, sondern eine Feststellung und gleichzeitig ein Befehl, während Gaga jedoch verspricht und lockt. Macht aber nix. Und klar: Ein BernhardRoman kann ebenso Gottesdienst sein, wie ein Gagakonzert, Gläubige wie Sand am Meer, ich bin einer davon. Nur schrieb Bernhard die beste Literatur, während Gaga die mäßigste Musik produziert, bzw produzieren lässt, mit ein paar Ausreissern nach oben, ein paar rechtmäßigen Tophits - aber eben vor allem mit viel Mittelmaß. Weit tragischer verlief jedoch Gagas Versuch, sich mit dem Album Artpop in irgendeinen mainstreamavantgardistischen Kunst-Kanon einzureihen. Die Auswahl der Künstler, die bei Artpop beteiligt sind, wirkt in etwa so sexy, wie die Gruppe 47 um Grass und co. Mit der längst in weit weit entfernte Gefilde hinweggeschwebten Zauberfee Marina Abramovic zu arbeiten, ist genauso dümmlich-reaktionär wie mit Bill Gates, der für das Cover von Artpop verantwortlich zeichnet. However.
Dieses Bernhardsche Warnung - denk ja nicht nach warum - das ist ja auch interessant. Wie in der Mythologie, wo man sich, wie zb. Orpheus, nicht umdrehen darf, weil man sonst alles verliert, geht Bernhard davon aus, dass der Mensch seine Außergewöhnlichkeit verliert, wenn er versucht herauszufinden warum er außergewöhnlich ist und also versucht, diese Außergewöhnlichkeit herzustellen. Bewußtmachung heißt Verlust, das ist ja auch psychoanalytisch, was Bernhard da sagt, es ist wie das Kind, das im Moment seiner eigenen Bewußtwerdung aus der Einheit mit der Mutter gerissen wird und, wenn man dem Lacanschen Wirrwarr folgt, ins Gesetz des Vaters übergeht, was gleichermaßen das Gesetz der Sprache bedeutet.
Ergeht es dem Künstler ebenso? Wird der außergwöhnliche Autor gewöhnlich durch seine Selbstreflexion - und fragt er deshalb nach dem Leser, nach dem Spiegel, nach dem Weltverbesserungspotential seiner Texte (und also nach einer Rechtfertigung)? Führt mein individuelles, psychologisches Versagen in die Zerstörung meines künstlerischen Schaffens? Zerstört jede Überlegung, wie ich ein Kunstwerk machen muss, damit es gefällt, oder, wie man so sagt, funktioniert, dieses Kunstwerk? Ich glaube hier ist der entscheidende Punkt: Ob einer in der Lage ist gute Kunst zu machen (gut ist hier definiert ganz einfach als das, was ich, franz-xaver, gut finde), hängt neben seinem Talent genauso von seinem Vermögen ab, er selbst sein zu können bzw. er selbst zu sein. Ich führe mit verschiedenen Bekannten in regelmäsigen Abständen Debatten über das, was man macht und machen will. Mein Diktum, dass man auf alles rezeptionsorientierte scheißen muss und dass man, soweit als möglich, auf nichts Rücksicht nehmen darf, dass man nicht bei berechnenden Lektoren und Produzenten um Ratschlag bittet, bei neidisch-fröstelnden Kollegen Tipps sucht, dass man keine Sekunde überlegt, was das Kunstwerk auslösen könnte bei diesem oder jenem, dass man keine Sekunde daran denkt, was es bereits an ähnlichen Kunstwerken gibt, oder daran denkt, was die Kollegen gerade so machen, und dass man keine Sekunde vor sich hin zaudert weil man daran denkt, was zum Beispiel passiert, wenn ich beginne Pornos zu drehen oder Landschaftsmalerei zu malen, was das aus meiner Reputation macht - etc etc etc. Wie ein wilder Stier kämpfe ich dagegen an, wenn ich sehe, wie schnell in den Köpfen manch meiner Kunstfreunde strategisches Denken aufkeimt, ich wittere Verrat und Anpassung. Ich wittere Ehrgeiz und Erfolgswillen - zwei ganz üble Voraussetzungen um Kunst zu machen.
Aber wie lange hat es gedauert, bis ich begriffen habe, dass es sich dabei nicht um eine künstlerische Debatte handelt! Nein, es handelt sich um eine ganz persönliche Debatte, um eine psychologische Debatte! Die Frage ist immer die, ob man ausreichend Selbsvertrauen hat, ob man ausreichend Selbstliebe im Stande ist aufzubringen, um sich diese Liebe selbst geben zu können, um sich selbst den nötigen Zuspruch zu geben, und also nicht angewiesen zu sein auf Lektor, Kunde oder Käufer - ja, das ist fuckingverdammt schwer. Ich spreche mit den Menschen und sie raten mir ab, weil dieses oder jenes so oder so verstanden bzw missverstanden werden könnte. Weil dieses oder jenes nicht gut genug sei, nicht durchdacht genug oder was weiß ich. Dass dieses oder jenes nun aber genau dieses oder jenes ist, das zu produzieren ich jetzt in dem Moment beschlossen und auszuführen habe, womit sich jede Diskussion erübrigt, da ich niemals eine Rechtfertigung schuldig bin, das leuchtet nur dem ein, der in der Lage ist, mit der aufreibenden Ungewissheit in Bezug auf den künstlerischen (und ökonomischen) Erfolg zu leben. Jemand also, der sich nicht über Anerkennung definiert. Der sich das gar nicht holen muss, oder anders holen kann. Weil ihm das Erklimmen eines Berges, der Blick in den Spiegel, das Lachen seiner Kinder oder ein erfülltes Sexualleben schon genung geben. (Btw: Die ökonomischen Bedingungen sind hier frelich ein weiterer entscheidender Punkt. Aber auch hier gilt ähnliches. Wer es mit seinem Selbstverständnis, bzw mit seinem Selbstwert vereinbaren kann, nebenbei als Kellner oder H&M Verkäufer zu arbeiten, tut seiner Kunst keinen Schaden an - nur den, dass man zeitlich eingeschränkt ist. Aber klar: eine rießen Scheiße ist das mit dem Geld schon, und ein bedingungsloses Grundeinkommen würde vieles von dem, über was ich hier zu jammern habe, schnell zum Guten wenden.)
Kunst verkommt in den Händen von 99% der Künstler, wie der hl. Thomas feststellt, zu diplomatischer Strategie, ist überflüssig und langweilig. Kunst ist kein Ausdruck mehr, sie fragt nach dem Warum, und schafft sich damit selbst ab, Kunst hört auf Kunst zu sein. Aber was ist sie dann? Was ist Kunst für die 99% der Künstler? Sie ist Arbeit.
Nicht umsonst sagen die Kunstmenschen immerzu Arbeit zu ihrer Kunst, und zwar nicht nur zu dem Vorgang, Kunst zu machen, sondern absurderweise zum dem fertigen Kunstwerk selbst. Als ob es verpönt sei, in der Herrschaft des Kapitalismus Kunst als Kunst zu bezeichnen. Nein, Arbeit muss es sein. So als ob man sich rechtfertigen müsse: Kunst ist auch Arbeit! Ich sage: Quatsch! Kunst ist Kunst und Arbeit ist Arbeit! Immer fragt man sich, ob man diese und jene Arbeit schon gesehen hat, wie man denn diese oder jene Arbeit von diesem oder jenem findet ("also das ist ja eine spannende Arbeit"). Und genau so schauen diese Kunstwerke, ob Filme, Videokunst, Fotografie, Literatur oder Pornographie dann auch aus: nach Arbeit. Nach Produktion. Nach Nutzen und Verwertbarkeit. Und an allem klebt der ätzende Geruch der Angst. Der Schweiß, der an diesen Kunstwerken klebt, ist nicht der Schweiß eines Betonmischers oder einer Biergartenkellnerin, es ist nicht der Schweiß der harten Arbeit, sondern es ist der pure Angstschweiß. Und die Galeristen, die Kollegen, die Professoren und die Journalisten, sie alle sehen sich diese Kunstwerke an, doch weil sie selbst die Hosen gestrichen voll haben, überdeckt ihr Eigengeruch den Angstschweiß der anderen. Eine Vernissage ist somit nichts anderes als eine Abortsauna am Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Arbeit ist Arbeit und Arbeit ist Geld und Kunst ist Kunst und Kunst ist Therapie und Außergewöhnlich ist Außergewöhnlich und Ich bin Ich und Du bist Du. Nur, wer sich als einzigartig, besonders, unersetzlich und also als außergewöhnlich begreift, nur wer sich nichts beweisen muss, nur wer die Leserschaft genauso wenig beachtet, wie das Schaffen seiner Kollegen, nur derjenige wird, wie Bernhard sagt, nicht alles verlieren. Und genau dadurch kann er alles aufs Spiel setzen.

außergewöhnlich ist jeder von selbst (ab 06:05)


be who you are

101 Listen. #53: Die besten Gründe um Zeitreisen zu erfinden, oder: Wie ich Nietzsche zur Vernunft brachte.

Zeitreisen erfinden, um bei der Uraufführung von Schillers Räuber in Mannheim der kollektiven Extase anheim zu fallen und um mit den außer sich geratenen jungen Männern und den in Ohnmacht gefallenen jungen Frauen möglichst viel Unfung zu treiben.

Zeitreisen erfinden, um gemeinsam mit Caravaggio viel zu junge Jungs aufzureisen.

Zeitreisen erfinden, um herauszufinden, wie um alles in der Welt der Sex zwischen Martin Heidegger und Hannah Arendt ausgesehen hat.

Zeitreisen erfinden, um Nietzsche davon abzuhalten Also sprach Zarathustra zu schreiben, um stattdessen gleich mit Jenseits von Gut und Böse zu beginnen. ("You can do better, Fritz...")

Zeitreisen erfinden, um Ric Flair vs Shawn Michaels bei Wrestlemania 24 live sehen zu können. Dort entsetzt feststellen, dass Wrestling-Gott Ric Flair nun ja nicht mehr Also sprach Zarathustra als Entrance-Music hat.

Zeitreisen erfinden, um Richard Strauss einzureden, er müsse ein Werk namens Also sprach Zarathustra komponieren, auch wenn er nichts mit diesem Titel anzufangen weiß. Als Inspirationsersatz für das nie erschienene Nietzsche-Buch hinterlasse ich Strauss eine Ric-Flair-Acionfigur.

Zeitreisen erfinden, um mittels modernster Technik in die Saalschlachten um die Uraufführung von Schnitzlers Reigen einzugreifen. Den sog. völkischen Beobachtern, die den Saal stürmen, Smart-Phones mit Asa-Akira-GangBangs vor die Augen halten, um anschließend den zu Stein erstarrten Reaktionären so fest als möglich gegen das Schienbein zu treten.

Zeitreisen erfinden, um beim letzten Treffen von Nietzsche und Wagner dabei zu sein, um die sich Trennenden auszulachen und ihnen zuzurufen: Ihr seids beide solche Fotzen!

Zeitreisen erfinden, um den weinenden Nietzsche anschließend klarzumachen, dass er ein verhinderter Homosexueller ist, dass er deshalb so ein widerlicher Frauenhasser ist, und dass er sein wahres Ich endlich zulassen soll, damit er nicht immer aus purer Kompensaition so viel Quatsch schreiben muss - und dass er es verdammtnochmal nötiger als nötig hat und es härter als hart braucht.

Zeitreisen erfinden, um Caravaggio zu entführen und ihn zu Nietzsche zu bringen, damit Caravaggio Nietzsche endlich zur Vernunft vögelt. Anschließend erleben, wie die beiden sich hemmungslos ineinander verlieben. Damit den Wahnsinn Nitzsches verhindern, dafür sorgen, dass Nietzsche seinen brillanten Verstand endlich sinnvoll einsetzt und um den Nazis ihren Friedrich vor der Nase weg zu schnappen.

Dann völlig erschöpft zu Dir zurück reisen, Baby, und dann...
... Zeitreisen erfinden, um dich schon füher kennen zu lernen.
... Zeitreisen erfinden, um Dich zu entjungfern.
... Zeitreisen erfinden, um mich von Dir entjungfern zu lassen.
Immer und immer und immer wieder.

alles fotzen außer marlene

der grund dafür, dass streeruwitz in intellektuellenkreisen weitgehend unbeliebt ist und bleibt (und darüberhinaus eh völlig unbekannt), zeigt sich auch in diesem interview: sie ist zu schlau, zu gnadenlos schlau, als dass man es ertragen könnte und hat in allem, was sie sagt, recht, was noch unerträglicher ist. und weder das eine, noch das andere, ist sie bereit zu verbergen, was den männern ansgt macht, weil sie ihren schwanz verlieren und die frauen wütend macht, weil sie sich selbst so etwas nicht herauszunehmen wagen.
(ps: der hass der standardleserschaft auf streeruwitz ist schauerlich und zeigt, wie sehr man allen ständig in die fresse hauen muss. wobei, eigentlich ist es verachtung, nicht hass. für hass fehlen ihnen die eier.)

http://derstandard.at/2000002415553/Nachkommen-Eine-Beschuldigung

allein

du willst mich einsam wissen?
so bringe mich unter die menschen.

du willst mich mit mir wissen?
so bringe mich zu dir.

du willst mich mit dir wissen?
so lasse mich allein. denn all mein denken und fühlen, mein begehren und wollen, mein verzweifeln und hoffen, mein wünschen und fürchten, meine freude, meine eifersucht, mein stolz, mein glück, meine angst - all das kommt über mich
und also du.

...

DSCN4695
stürzen

DSCN4703
und

DSCN4706
einstürzen

post privacy: journal mai 2008 (mail an e.)

den sommer herbeisehnen. allenfalls halbtagsfrühling in diesen tagen. bedrohlich wandern andauernd schneegrenzen talwärts.

sich über mein neues rad freuen, das um 60 euro auf eine bezirksblatt-anonce antwortend erstattet werden konnte.
versuchen, das licht bei dem neuen rad zu reparieren.
diese reparatur andauernd hinausschieben.

jeden samstag mit a. und m. auf den bauernmarkt gehen und vor allen dingen spinat kaufen.

sich umdrehen, blind eine cd auswählen und erfreut feststellen, dass es sich um miles davis tutu handelt, eine e.-cd. an ein zeichen glauben.

die seit ein paar tagen andauernde übelkeit a.s als schwangerschaftsanzeichen deuten und dabei gelassen bleiben. irgendwann sowieso vater werden wollen.

neue rezepte für die unmengen an gekauftem spinat heraussuchen.

bemerken, dass die gelassenheit gegenüber der vorstellung vater zu werden schon verdrängung im vorhinein ist.

sich ab und zu darüber freuen, dass a. und m. nie fleisch in der wohnung essen.

nicht vergessen zu erwähnen, dass j. vor 2 wochen einen sohn
bekommen hat.

sich andauernd gedanken machen über hattrick, das online fußball-manager-spiel, das ich seit kurzem spiele. einsehen, dass es noch jahre dauern wird, bis ich darin erfolgreich sein werde.

nach dem orgasmus das porno-schauen bereuen, aber nicht damit aufhören können.
dabei an l. denken, der gesagt hat: "schon in dem augenblick, in dem ich abspritze, denke ich mir: lassts doch de arme frau in ruh."

alles von peter handke abgeschaut und seinem buch: "das gewicht der welt"

"Ich trank den Tee so hastig aus, als wollte ich gleich jemandem nachrennen"
(handke)

den erstbesten satz von "das gewicht der welt" abschreiben und darunter diesen satz schreiben.

meine referate dieses semester und die dazugehörigen lehrveranstaltungen: michel de montaigne (momente in geschichte, denken, kunst) homi bhabha (literaturtheorie) der nebensatz (grammatik. mit v.) der wolf bei thomas hobbes (fabel)

einsehen, dass ich damit nicht angeben kann.

viel lärm und gesang vor dem weekender. ärger!

sich vorstellen vielleicht einmal uni-professor zu werden.
angst haben das nicht erreichen zu können.
fest daran glauben das erreichen zu können.
daran zweifeln etwas noch besseres zu erreichen.
an hattrick denken.

daran denken, wie in wien nachts die u-bahn-schienen geschliffen werden und versuchen, die feuerspritzer zu imaginieren.

e.s neue frisur unerwähnt lassen.

e. mit zwei m schreiben.

den heimkommenden a. an seinem gepfeife erkennen, während ich meter weiter oben bei offenem fenster am klo sitze und lustige taschenbücher lese.

glauben, dass alles besser wird.
sich allein sehnen. und doch wieder nicht.
sorgen haben und kurze momente der unbefangenheit.
sich vielleicht irgendwann dafür schämen.

europameisterschaft in innsbruck. denken, wie es im weli zugehen wird und hoffen, ein dress von einem betrunkenen geschenkt zu bekommen.

sich nach links drehen und ein foto machen.
das foto in den anhang stellen.

den verdammten fotoapperat finden!

nicht unterschreiben und keine antwort anfordern.

wir-gefühl. oder: die besseren deutschen

x: ich hab das spiel gestern nämlich gar nicht gesehen weißt du...
y: müller.
x: ich bin stattdessen durch die stadt spaziert, durchs agnesviertel...
y: thomas fucking müller.
x:... und da hängt seit jahren ein riesengroßes transparent: plantanen sterben lassen? einkürzen! das einkürzen soll die platanen wohl vor dem tod retten.
y: müller, müller, müller, drei mal! der hund!
x: jedenfalls war die stadt völlig leer, völlig leer, das musst du dir mal vorstellen. weil die alle fußball geschaut haben.
y: und ronaldo? null mal. null null null. drei mal null mal.
x: und da ist mir eines aufgefallen: die wenigen menschen, die man auf der straße antrifft, die menschen sieht man an und man weiß, man hat etwas gemeinsam. wir blickten uns an, die anderen und ich, und wußten: wir sind die außenseiter. die verweigerer.
y: ronaldo hat sicher geweint in der kabine. die fotze.
x: und das irre ist nämlich, dass im gegensatz zu all den unzähligen fußballfans, das wir-gefühl bei den wenigen nichtfußballfans viel größer ist. da gibt es einserseits das wir-gefühl in einer masse, das ist aber diffus und schwankend und endet dann entweder im alkohol oder in der vergewaltigung. meistens in beidem.
y: und der pepe bekommt sofort rot. kanns einfach nicht lassen, der ist sowas von gestört der typ. gehört weg wenn du mich fragst.
x: während die wenigen, die sich im ausgestorbenen agnesviertel unter den absterbenden platanen über den weg laufen und sich mit zaghaften blicken streifen, eigentlich gar kein wir-gefühl haben wollen und aber gerade diese wenigen sich plötzlich einer viel intensiveren gemeinschaft angehörig fühlen als die schlandmasse. aber siehst du: das ist der unterschied: masse vs gemeinschaft.
y: der ronaldo ist sowieso schwul in wahrheit. was der mit seinem körper immer aufführt... das machen sonst nur die türken, aber türke ist der keiner. deshalb muss der schwul sein.
x: einerseits will man gar kein wir haben, aber dann hat das so etwas verschworenes an sich, etwas aufregendes. man blickt sich an, man respektiert einander, kennt die gefahr. man weiß: underground, baby. subculture.
y: der pepe ist übrigens brasilianer, spielt aber für portugal. typisch! gibts aber bei uns auch, mesut, sami, jerome... und miro und poldi, eigentlich polen. wobei... die polen sind eh nicht so schlimm wie alle immer tun.
x: aber das eigenartige ist ja, dass sich diese gemeinschaft nur durch den ausschlußmeschanismus der masse bildet. wie ich immer sage: alles hat auch sein gutes. yin, yang.
y: die sind in wahrheit mittlerweile eh die besseren deutschen.
x: wer?
y: die polen.
x: die polen? sind die besseren deutschen?
y: politisch meine ich. die engländer seit neuestem ja auch. und sogar die franzosen. und die italiener. und die österreicher. die österreicher aber schon lange. bei denen ists ja auch nicht so schlimm... aber die franzosen. das tut weh.
x: welchen franzosen meinst du? platnini? italiener. zidane? algerier. trezeguet? argentinier. djorkaeff? armenier. viera? senegalese. desailly? ghanaer. thuram? guadeloupianer. henry? halb guadeloupianer, halb kreole. evra? senegalese. sagna? senegalsese. pogba? halb guineer, halb kongolese. koscielny? pole. abidal? kreole. benzema? algerier. nasri? algerier. matuidi? angolaner.
y: und ribery?
x: hat sich vor zehn jahren in bilal yusuf mohammed umbenannt.
y: oh mann... dann doch lieber poldi.
x: ach was. das ist das beste, was den franzosen passieren konnte. die schaffen sich einfach ab. so wie ich immer sage: deutschland muss sterben, damit wir leben können.
y: wie die platanen.
x: siehst du, jetzt hast du es verstanden!

...

Whitney Housten

Figuren: Johnny (28), Paul (33), Franziska (29)
Eine Wohnung. Johnny sitzt am Tisch. Franziska daneben. Paul steht. Überall Bierflaschen und Wurstsalat.


Johnny:
Feuer!
(Paul wirft ihm das Feuerzeug zu)
Johnny: (zündet sich eine Zigarette an): Ok. Nächste Kategorie: Die größten Todesfälle aller Zeiten, Top Drei. Ich fang an.
Paul: Ok.
Johnny: Platz Drei: Grace Kelly.
Paul: Ok.
Johnny: Der Grace Kelly Tod ist ja allgemein unterschätzt. Das wissen die jungen Leute heute gar nicht mehr, wie groß die Grace Kelly war! Hollywood Star und Prinzessin, tragische Ehe, Goldener Käfig, Stilikone! Und dann dieser Tod! Autounfall! Und noch dazu mysteriöse Umstände. Es heißt ja, ihre minderjährige Tochter sei am Steuer gewesen! Und das Begräbnis von der Grace Kelly, das haben mehr Menschen im Fernsehen verfolgt als die Mondlandung! Also Platz Drei völlig verdient!
Paul (angetrunken, Bier in der Hand. Steht an die Wand gelehnt dem Tisch gegenüber, wirkt etwas gelangweilt): Mein Platz Drei.... Michael Jackson.
Johnny: Jackson? Hmm... naja... also meinetwegen. Mein Platz Zwei: John F. Kennedy. Ist glaub ich klar oder, muss ich nicht mehr dazu sagen... Pauli?
Paul: Ja eh. Mein Platz Zwei.... Jesus.
Johnny: Jesus?
Paul: Ja. Jesus.
Johnny: Na gut, durchaus eine interessante Wahl. Philosophisch! Also, Platz Eins ist ja klar: Prinzessin Diana. Tragische Ehe, Königin der Herzen, mysteriöse Todesumstände, zwei kleine Buben zurückgelassen, die Queen gezwungen Emotion zu zeigen, ein Politikum, ein weltweiter Schock! Und so jung! Und dieses Begräbnis, dieses Begräbnis! Pavarotti weint wie ein Kind! Und Elton John! Candle in the Wind! Meistverkaufte Single aller Zeiten! Immer noch! Und das Blumenmeer vorm Buckingham Palace.... Also Diana Platz Eins, ganz klar. Bei dir auch, oder?
Paul: Meine Nummer Eins... Whitney Housten.
Johnny: Jetzt im Ernst.
Paul: Whitney Housten.
Johnny: Wenn du nicht ernst spielst, macht es keinen Spaß!
Paul: Whitney fucking Housten.
Johnny: Fuck You! (Tötet die Zigarette aus, geht zu Pauli. Packt ihn am Kragen). Diana! Sags. Sag Diana!
Paul: Whitney.
Johnny: Diana! Ich brech dirs Gesicht!
Paul: Whitney.
Johnny: Ok. Vorschlag: Wenn du Diana auf Platz Eins nimmst, dann blas ich dir einen.
Paul blickt freudig überrascht und gleichermaßen herausfordernd.Franziska: Tus nicht Pauli!
Johnny (den Blick weiter auf Paul gerichtet): Misch dich nicht ein, ich warn dich!
Franziska: Pauli tus nicht!
Johnny läßt von Paul ab, blickt zu Franziska.
Johnny: Halt dich da raus verdammte Scheiße! Ich stopf dir den ganzen Wurstsalat in die Fresse, ich schwörs!
Franziska: Der Pauli läßt sich nicht von dir erpressen.
Johnny: Doch das läßt er. Pauli?
Paul: Whitney!
Johnny: Wixer!
Franzsika: Ha! Ha! Ha!
Johnny: Fuck You!
Franziska: Fuck You!
Johnny: Na gut Pauli, du hast gewonnen. Aber...darf ich dir trotzdem einen blasen?
Paul: Ich trau dir nicht.
Johnny: Bitte bitte!
Paul: Hmm... ok.
Johnny kniet sich hin, beginnt Paul auszuziehen. Franziska beobachtet die Szene mit zunehmender Aufmerksamkeit. Johnny beginnt Paul einen zu blasen. Plötzlich hört Johnny auf. Steht auf, blickt Paul an.
Johnny: Oje. Tut mir leid. Ich muss leider aufhören. Ich hätte ja so gerne weitergemacht, aber gerade ist mir Diana erschienen in meinem Kopf und hat gesagt, ich darf nur solchen Leuten einen blasen, die sie auf Nummer Eins haben.
Paul: Drecksau. Mach sofort weiter.
Johnny: Hmm.. weißt du Pauli, ich kann ganz schnell weitermachen. Musst nur Diana sagen. Königin der Herzen.
Franzsika: Pauli, nicht nachgeben! Ich blas dir einen wenn du hart bleibst!
Johnny: Fuck You!
Franziska: Fuck You!
Johnny: Ich fick nie wieder mit dir wenn du ihm jetzt einen blast.
Franziska: Schön wärs.
Johnny: Außerdem kann ich viel besser blasen als du, der Pauli wär ja schön dumm...
Franziska: Bitch!
Johnny: Also Pauli?
Paul : Whitney!
Franziska: Yeah! So geil! So geil!
Johnny: Fuck you.
Franziska: Yes.
Johnny (gibt sich geschlagen. setzt sich wieder): Na gut. Und Franzi, wer ist deine Nummer Eins?

Franziska: Rosa Luxenburg.
Paul: Gute Wahl!
Johnny: Ihr seids so scheiße beide.

...

- fuck that. für was man sich entscheiden muss und was man wie machen darf und kann oder eben nicht, das werden wir noch sehen.

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and i quote

"Because Kunst" @neinquaterly .............................. "Die Zeit heilt alle Wunden - heißt natürlich, warten bis die Leute Scheiße aussehn." @Rene Pollesch ...................................... "Mit Honig auf dem Kopf tue ich natürlich etwas, was mit denken zu tun hat." Joseph Beuys .............................. "Aufwachen und durchdrehen" @annemarie kuckuck

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