Hören Sie nun ein Gespräch über das Scheitern

Mit Martin Blitz, Lia Sündemann und Franz-Xaver Franz.

https://soundcloud.com/lebensmensch-1/radio-ranking-king-scheitern

Be Who You Are - Außergewöhnlich ist jeder von selbst. Oder: Zur psychologischen Voraussetzung guter Kunst


Wenn einer ein guter Schriftsteller ist, schreibt er eh das, was notwenig ist, für ihn und für andere auch, da braucht er gar nicht viel nachdenken. Da 99% der Schriftsteller ständig nachdenken, wie sie die Welt verbesern sollen und wie sie sich einschmeicheln sollen bei den sogenannten Lesern, schreiben sie alle schlechte Bücher, die keinen Menschen interessieren.
Außergewöhnlich ist ja jeder von selber. Wenn er aber anfängt nachdenken warum, ist ers schon nicht mehr und verliert alles.

Thomas Bernhard

Auch wenn wir längst beschlossen und eingesehen haben und also begiffen haben, dass es sich bei Thomas Bernhard um den größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts handelt, neben all den anderen größten Schriftstellerinnen und Schriftstellern des zwanzigsten Jahrunderts, die wir überhöhen müssen, um nicht von ihnen erdrückt zu werden, überrascht es doch immer wieder, wie unvermittelt die wärmsten Funken des sprühendsten Humanismus aus dem hl. Thomas herausgeschossen sind, und welch umfassendes Menschenverständnis er hatte und also welch umfassende Menschenliebe er hatte, denn die einzig wahre Menschenliebe ist das Menschenverständnis, es allein kann zu Subjektwerdung meines Gegenübers führen, denn das, was ich nicht verstehe, bleibt für mich abstakt wie eine mathematische Formel, die Atombombe, oder der Ehering an meiner wundgewixten Hand.
Das oben angeführte Zitat, kein Textauszug, sondern die Transkription eines Interviews (Die Ursache bin ich selbst, Krista Fleischmann), zwei Jahre vor seinem Tod, zeigt Bernhard merhrfach, beinahe umfassend. Die ganze Literatur erklärt in einem Satz, aber das ist eh klar, das kennt man ja von Bernhard. Jedoch den Autor, den Künstler, als ein autonomes weil individuelles und lediglich aus sich selbst heraus schaffendes Wesen zu postulieren, und das, ohne irgendeinen naiven Geniekult zu kopieren und ohne ins Fahrwasser von Nietzsches Übermensch-Tralala zu geraten - das überrascht doch einigermaßen, einiger einiger maßen!
"Außergewöhnlich ist jeder von selber. Wenn er aber anfängt nachdenken warum, ist ers schon nicht mehr und verliert alles." Was Bernhrad da sagt, könnte in anderen Worten beinahe auch in der Brigitte stehen oder in einem LadyGagaSong: Sei ganz du selbst, dann wirst du es schaffen. Aber während LadyGaga nichts anderes tut, als sich außergewöhnlich zu machen, und somit in der gähnensten Gewöhnlichkeit untergeht, nicht ohne aber dieses Sich-außergewöhnlich-Machen als zwar unmögliches, aber dröhnendes und allgegenwärtiges Diktum zu reflektieren und also ihr eigenes Scheitern zu besingen und Tag für Tag aufs Neue ihre Selbstabschaffung zu vollziehen, um mühsam aufgerichtet Tags darauf wieder in sich zusammenzufallen, was allerdings - und hier dulde ich keinen Widerspruch - kaum einer ihrer kreischenden Fans versteht, sondern was nur ein Fressen für die ausgehungerten Popintellektuellen darstellt, die sich auf LadyGaga stürtzen, geradezu verzweifelt, weil sie einen neuen Warhol heraufbeschwören wollen, weil sie sich so daumendrückend nach Versöhnung mit dem Status Quo und also mit dem Kapitalismus sehnen, und damit genauso wie die GagaFans an der Balkanpopydra zu Grunde gehen, sind die Bernhardianer von vornherein schon so verkommen und hoffnungslos und an der Totalität und nicht der Komplexität interessiert, dass diesen Schmalspurfaschos nichts mehr zu nehmen und kaputt zu machen ist, weder, indem man ihnen Individualität zu- noch abspricht. Es ist kein Versprechen, das Bernhard da gibt, sondern eine Feststellung und gleichzeitig ein Befehl, während Gaga jedoch verspricht und lockt. Macht aber nix. Und klar: Ein BernhardRoman kann ebenso Gottesdienst sein, wie ein Gagakonzert, Gläubige wie Sand am Meer, ich bin einer davon. Nur schrieb Bernhard die beste Literatur, während Gaga die mäßigste Musik produziert, bzw produzieren lässt, mit ein paar Ausreissern nach oben, ein paar rechtmäßigen Tophits - aber eben vor allem mit viel Mittelmaß. Weit tragischer verlief jedoch Gagas Versuch, sich mit dem Album Artpop in irgendeinen mainstreamavantgardistischen Kunst-Kanon einzureihen. Die Auswahl der Künstler, die bei Artpop beteiligt sind, wirkt in etwa so sexy, wie die Gruppe 47 um Grass und co. Mit der längst in weit weit entfernte Gefilde hinweggeschwebten Zauberfee Marina Abramovic zu arbeiten, ist genauso dümmlich-reaktionär wie mit Bill Gates, der für das Cover von Artpop verantwortlich zeichnet. However.
Dieses Bernhardsche Warnung - denk ja nicht nach warum - das ist ja auch interessant. Wie in der Mythologie, wo man sich, wie zb. Orpheus, nicht umdrehen darf, weil man sonst alles verliert, geht Bernhard davon aus, dass der Mensch seine Außergewöhnlichkeit verliert, wenn er versucht herauszufinden warum er außergewöhnlich ist und also versucht, diese Außergewöhnlichkeit herzustellen. Bewußtmachung heißt Verlust, das ist ja auch psychoanalytisch, was Bernhard da sagt, es ist wie das Kind, das im Moment seiner eigenen Bewußtwerdung aus der Einheit mit der Mutter gerissen wird und, wenn man dem Lacanschen Wirrwarr folgt, ins Gesetz des Vaters übergeht, was gleichermaßen das Gesetz der Sprache bedeutet.
Ergeht es dem Künstler ebenso? Wird der außergwöhnliche Autor gewöhnlich durch seine Selbstreflexion - und fragt er deshalb nach dem Leser, nach dem Spiegel, nach dem Weltverbesserungspotential seiner Texte (und also nach einer Rechtfertigung)? Führt mein individuelles, psychologisches Versagen in die Zerstörung meines künstlerischen Schaffens? Zerstört jede Überlegung, wie ich ein Kunstwerk machen muss, damit es gefällt, oder, wie man so sagt, funktioniert, dieses Kunstwerk? Ich glaube hier ist der entscheidende Punkt: Ob einer in der Lage ist gute Kunst zu machen (gut ist hier definiert ganz einfach als das, was ich, franz-xaver, gut finde), hängt neben seinem Talent genauso von seinem Vermögen ab, er selbst sein zu können bzw. er selbst zu sein. Ich führe mit verschiedenen Bekannten in regelmäsigen Abständen Debatten über das, was man macht und machen will. Mein Diktum, dass man auf alles rezeptionsorientierte scheißen muss und dass man, soweit als möglich, auf nichts Rücksicht nehmen darf, dass man nicht bei berechnenden Lektoren und Produzenten um Ratschlag bittet, bei neidisch-fröstelnden Kollegen Tipps sucht, dass man keine Sekunde überlegt, was das Kunstwerk auslösen könnte bei diesem oder jenem, dass man keine Sekunde daran denkt, was es bereits an ähnlichen Kunstwerken gibt, oder daran denkt, was die Kollegen gerade so machen, und dass man keine Sekunde vor sich hin zaudert weil man daran denkt, was zum Beispiel passiert, wenn ich beginne Pornos zu drehen oder Landschaftsmalerei zu malen, was das aus meiner Reputation macht - etc etc etc. Wie ein wilder Stier kämpfe ich dagegen an, wenn ich sehe, wie schnell in den Köpfen manch meiner Kunstfreunde strategisches Denken aufkeimt, ich wittere Verrat und Anpassung. Ich wittere Ehrgeiz und Erfolgswillen - zwei ganz üble Voraussetzungen um Kunst zu machen.
Aber wie lange hat es gedauert, bis ich begriffen habe, dass es sich dabei nicht um eine künstlerische Debatte handelt! Nein, es handelt sich um eine ganz persönliche Debatte, um eine psychologische Debatte! Die Frage ist immer die, ob man ausreichend Selbsvertrauen hat, ob man ausreichend Selbstliebe im Stande ist aufzubringen, um sich diese Liebe selbst geben zu können, um sich selbst den nötigen Zuspruch zu geben, und also nicht angewiesen zu sein auf Lektor, Kunde oder Käufer - ja, das ist fuckingverdammt schwer. Ich spreche mit den Menschen und sie raten mir ab, weil dieses oder jenes so oder so verstanden bzw missverstanden werden könnte. Weil dieses oder jenes nicht gut genug sei, nicht durchdacht genug oder was weiß ich. Dass dieses oder jenes nun aber genau dieses oder jenes ist, das zu produzieren ich jetzt in dem Moment beschlossen und auszuführen habe, womit sich jede Diskussion erübrigt, da ich niemals eine Rechtfertigung schuldig bin, das leuchtet nur dem ein, der in der Lage ist, mit der aufreibenden Ungewissheit in Bezug auf den künstlerischen (und ökonomischen) Erfolg zu leben. Jemand also, der sich nicht über Anerkennung definiert. Der sich das gar nicht holen muss, oder anders holen kann. Weil ihm das Erklimmen eines Berges, der Blick in den Spiegel, das Lachen seiner Kinder oder ein erfülltes Sexualleben schon genung geben. (Btw: Die ökonomischen Bedingungen sind hier frelich ein weiterer entscheidender Punkt. Aber auch hier gilt ähnliches. Wer es mit seinem Selbstverständnis, bzw mit seinem Selbstwert vereinbaren kann, nebenbei als Kellner oder H&M Verkäufer zu arbeiten, tut seiner Kunst keinen Schaden an - nur den, dass man zeitlich eingeschränkt ist. Aber klar: eine rießen Scheiße ist das mit dem Geld schon, und ein bedingungsloses Grundeinkommen würde vieles von dem, über was ich hier zu jammern habe, schnell zum Guten wenden.)
Kunst verkommt in den Händen von 99% der Künstler, wie der hl. Thomas feststellt, zu diplomatischer Strategie, ist überflüssig und langweilig. Kunst ist kein Ausdruck mehr, sie fragt nach dem Warum, und schafft sich damit selbst ab, Kunst hört auf Kunst zu sein. Aber was ist sie dann? Was ist Kunst für die 99% der Künstler? Sie ist Arbeit.
Nicht umsonst sagen die Kunstmenschen immerzu Arbeit zu ihrer Kunst, und zwar nicht nur zu dem Vorgang, Kunst zu machen, sondern absurderweise zum dem fertigen Kunstwerk selbst. Als ob es verpönt sei, in der Herrschaft des Kapitalismus Kunst als Kunst zu bezeichnen. Nein, Arbeit muss es sein. So als ob man sich rechtfertigen müsse: Kunst ist auch Arbeit! Ich sage: Quatsch! Kunst ist Kunst und Arbeit ist Arbeit! Immer fragt man sich, ob man diese und jene Arbeit schon gesehen hat, wie man denn diese oder jene Arbeit von diesem oder jenem findet ("also das ist ja eine spannende Arbeit"). Und genau so schauen diese Kunstwerke, ob Filme, Videokunst, Fotografie, Literatur oder Pornographie dann auch aus: nach Arbeit. Nach Produktion. Nach Nutzen und Verwertbarkeit. Und an allem klebt der ätzende Geruch der Angst. Der Schweiß, der an diesen Kunstwerken klebt, ist nicht der Schweiß eines Betonmischers oder einer Biergartenkellnerin, es ist nicht der Schweiß der harten Arbeit, sondern es ist der pure Angstschweiß. Und die Galeristen, die Kollegen, die Professoren und die Journalisten, sie alle sehen sich diese Kunstwerke an, doch weil sie selbst die Hosen gestrichen voll haben, überdeckt ihr Eigengeruch den Angstschweiß der anderen. Eine Vernissage ist somit nichts anderes als eine Abortsauna am Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Arbeit ist Arbeit und Arbeit ist Geld und Kunst ist Kunst und Kunst ist Therapie und Außergewöhnlich ist Außergewöhnlich und Ich bin Ich und Du bist Du. Nur, wer sich als einzigartig, besonders, unersetzlich und also als außergewöhnlich begreift, nur wer sich nichts beweisen muss, nur wer die Leserschaft genauso wenig beachtet, wie das Schaffen seiner Kollegen, nur derjenige wird, wie Bernhard sagt, nicht alles verlieren. Und genau dadurch kann er alles aufs Spiel setzen.

außergewöhnlich ist jeder von selbst (ab 06:05)


be who you are

101 Listen. #53: Die besten Gründe um Zeitreisen zu erfinden, oder: Wie ich Nietzsche zur Vernunft brachte.

Zeitreisen erfinden, um bei der Uraufführung von Schillers Räuber in Mannheim der kollektiven Extase anheim zu fallen und um mit den außer sich geratenen jungen Männern und den in Ohnmacht gefallenen jungen Frauen möglichst viel Unfung zu treiben.

Zeitreisen erfinden, um gemeinsam mit Caravaggio viel zu junge Jungs aufzureisen.

Zeitreisen erfinden, um herauszufinden, wie um alles in der Welt der Sex zwischen Martin Heidegger und Hannah Arendt ausgesehen hat.

Zeitreisen erfinden, um Nietzsche davon abzuhalten Also sprach Zarathustra zu schreiben, um stattdessen gleich mit Jenseits von Gut und Böse zu beginnen. ("You can do better, Fritz...")

Zeitreisen erfinden, um Ric Flair vs Shawn Michaels bei Wrestlemania 24 live sehen zu können. Dort entsetzt feststellen, dass Wrestling-Gott Ric Flair nun ja nicht mehr Also sprach Zarathustra als Entrance-Music hat.

Zeitreisen erfinden, um Richard Strauss einzureden, er müsse ein Werk namens Also sprach Zarathustra komponieren, auch wenn er nichts mit diesem Titel anzufangen weiß. Als Inspirationsersatz für das nie erschienene Nietzsche-Buch hinterlasse ich Strauss eine Ric-Flair-Acionfigur.

Zeitreisen erfinden, um mittels modernster Technik in die Saalschlachten um die Uraufführung von Schnitzlers Reigen einzugreifen. Den sog. völkischen Beobachtern, die den Saal stürmen, Smart-Phones mit Asa-Akira-GangBangs vor die Augen halten, um anschließend den zu Stein erstarrten Reaktionären so fest als möglich gegen das Schienbein zu treten.

Zeitreisen erfinden, um beim letzten Treffen von Nietzsche und Wagner dabei zu sein, um die sich Trennenden auszulachen und ihnen zuzurufen: Ihr seids beide solche Fotzen!

Zeitreisen erfinden, um den weinenden Nietzsche anschließend klarzumachen, dass er ein verhinderter Homosexueller ist, dass er deshalb so ein widerlicher Frauenhasser ist, und dass er sein wahres Ich endlich zulassen soll, damit er nicht immer aus purer Kompensaition so viel Quatsch schreiben muss - und dass er es verdammtnochmal nötiger als nötig hat und es härter als hart braucht.

Zeitreisen erfinden, um Caravaggio zu entführen und ihn zu Nietzsche zu bringen, damit Caravaggio Nietzsche endlich zur Vernunft vögelt. Anschließend erleben, wie die beiden sich hemmungslos ineinander verlieben. Damit den Wahnsinn Nitzsches verhindern, dafür sorgen, dass Nietzsche seinen brillanten Verstand endlich sinnvoll einsetzt und um den Nazis ihren Friedrich vor der Nase weg zu schnappen.

Dann völlig erschöpft zu Dir zurück reisen, Baby, und dann...
... Zeitreisen erfinden, um dich schon füher kennen zu lernen.
... Zeitreisen erfinden, um Dich zu entjungfern.
... Zeitreisen erfinden, um mich von Dir entjungfern zu lassen.
Immer und immer und immer wieder.

alles fotzen außer marlene

der grund dafür, dass streeruwitz in intellektuellenkreisen weitgehend unbeliebt ist und bleibt (und darüberhinaus eh völlig unbekannt), zeigt sich auch in diesem interview: sie ist zu schlau, zu gnadenlos schlau, als dass man es ertragen könnte und hat in allem, was sie sagt, recht, was noch unerträglicher ist. und weder das eine, noch das andere, ist sie bereit zu verbergen, was den männern ansgt macht, weil sie ihren schwanz verlieren und die frauen wütend macht, weil sie sich selbst so etwas nicht herauszunehmen wagen.
(ps: der hass der standardleserschaft auf streeruwitz ist schauerlich und zeigt, wie sehr man allen ständig in die fresse hauen muss. wobei, eigentlich ist es verachtung, nicht hass. für hass fehlen ihnen die eier.)

http://derstandard.at/2000002415553/Nachkommen-Eine-Beschuldigung

allein

du willst mich einsam wissen?
so bringe mich unter die menschen.

du willst mich mit mir wissen?
so bringe mich zu dir.

du willst mich mit dir wissen?
so lasse mich allein. denn all mein denken und fühlen, mein begehren und wollen, mein verzweifeln und hoffen, mein wünschen und fürchten, meine freude, meine eifersucht, mein stolz, mein glück, meine angst - all das kommt über mich
und also du.

...

DSCN4695
stürzen

DSCN4703
und

DSCN4706
einstürzen

post privacy: journal mai 2008 (mail an e.)

den sommer herbeisehnen. allenfalls halbtagsfrühling in diesen tagen. bedrohlich wandern andauernd schneegrenzen talwärts.

sich über mein neues rad freuen, das um 60 euro auf eine bezirksblatt-anonce antwortend erstattet werden konnte.
versuchen, das licht bei dem neuen rad zu reparieren.
diese reparatur andauernd hinausschieben.

jeden samstag mit a. und m. auf den bauernmarkt gehen und vor allen dingen spinat kaufen.

sich umdrehen, blind eine cd auswählen und erfreut feststellen, dass es sich um miles davis tutu handelt, eine e.-cd. an ein zeichen glauben.

die seit ein paar tagen andauernde übelkeit a.s als schwangerschaftsanzeichen deuten und dabei gelassen bleiben. irgendwann sowieso vater werden wollen.

neue rezepte für die unmengen an gekauftem spinat heraussuchen.

bemerken, dass die gelassenheit gegenüber der vorstellung vater zu werden schon verdrängung im vorhinein ist.

sich ab und zu darüber freuen, dass a. und m. nie fleisch in der wohnung essen.

nicht vergessen zu erwähnen, dass j. vor 2 wochen einen sohn
bekommen hat.

sich andauernd gedanken machen über hattrick, das online fußball-manager-spiel, das ich seit kurzem spiele. einsehen, dass es noch jahre dauern wird, bis ich darin erfolgreich sein werde.

nach dem orgasmus das porno-schauen bereuen, aber nicht damit aufhören können.
dabei an l. denken, der gesagt hat: "schon in dem augenblick, in dem ich abspritze, denke ich mir: lassts doch de arme frau in ruh."

alles von peter handke abgeschaut und seinem buch: "das gewicht der welt"

"Ich trank den Tee so hastig aus, als wollte ich gleich jemandem nachrennen"
(handke)

den erstbesten satz von "das gewicht der welt" abschreiben und darunter diesen satz schreiben.

meine referate dieses semester und die dazugehörigen lehrveranstaltungen: michel de montaigne (momente in geschichte, denken, kunst) homi bhabha (literaturtheorie) der nebensatz (grammatik. mit v.) der wolf bei thomas hobbes (fabel)

einsehen, dass ich damit nicht angeben kann.

viel lärm und gesang vor dem weekender. ärger!

sich vorstellen vielleicht einmal uni-professor zu werden.
angst haben das nicht erreichen zu können.
fest daran glauben das erreichen zu können.
daran zweifeln etwas noch besseres zu erreichen.
an hattrick denken.

daran denken, wie in wien nachts die u-bahn-schienen geschliffen werden und versuchen, die feuerspritzer zu imaginieren.

e.s neue frisur unerwähnt lassen.

e. mit zwei m schreiben.

den heimkommenden a. an seinem gepfeife erkennen, während ich meter weiter oben bei offenem fenster am klo sitze und lustige taschenbücher lese.

glauben, dass alles besser wird.
sich allein sehnen. und doch wieder nicht.
sorgen haben und kurze momente der unbefangenheit.
sich vielleicht irgendwann dafür schämen.

europameisterschaft in innsbruck. denken, wie es im weli zugehen wird und hoffen, ein dress von einem betrunkenen geschenkt zu bekommen.

sich nach links drehen und ein foto machen.
das foto in den anhang stellen.

den verdammten fotoapperat finden!

nicht unterschreiben und keine antwort anfordern.

wir-gefühl. oder: die besseren deutschen

x: ich hab das spiel gestern nämlich gar nicht gesehen weißt du...
y: müller.
x: ich bin stattdessen durch die stadt spaziert, durchs agnesviertel...
y: thomas fucking müller.
x:... und da hängt seit jahren ein riesengroßes transparent: plantanen sterben lassen? einkürzen! das einkürzen soll die platanen wohl vor dem tod retten.
y: müller, müller, müller, drei mal! der hund!
x: jedenfalls war die stadt völlig leer, völlig leer, das musst du dir mal vorstellen. weil die alle fußball geschaut haben.
y: und ronaldo? null mal. null null null. drei mal null mal.
x: und da ist mir eines aufgefallen: die wenigen menschen, die man auf der straße antrifft, die menschen sieht man an und man weiß, man hat etwas gemeinsam. wir blickten uns an, die anderen und ich, und wußten: wir sind die außenseiter. die verweigerer.
y: ronaldo hat sicher geweint in der kabine. die fotze.
x: und das irre ist nämlich, dass im gegensatz zu all den unzähligen fußballfans, das wir-gefühl bei den wenigen nichtfußballfans viel größer ist. da gibt es einserseits das wir-gefühl in einer masse, das ist aber diffus und schwankend und endet dann entweder im alkohol oder in der vergewaltigung. meistens in beidem.
y: und der pepe bekommt sofort rot. kanns einfach nicht lassen, der ist sowas von gestört der typ. gehört weg wenn du mich fragst.
x: während die wenigen, die sich im ausgestorbenen agnesviertel unter den absterbenden platanen über den weg laufen und sich mit zaghaften blicken streifen, eigentlich gar kein wir-gefühl haben wollen und aber gerade diese wenigen sich plötzlich einer viel intensiveren gemeinschaft angehörig fühlen als die schlandmasse. aber siehst du: das ist der unterschied: masse vs gemeinschaft.
y: der ronaldo ist sowieso schwul in wahrheit. was der mit seinem körper immer aufführt... das machen sonst nur die türken, aber türke ist der keiner. deshalb muss der schwul sein.
x: einerseits will man gar kein wir haben, aber dann hat das so etwas verschworenes an sich, etwas aufregendes. man blickt sich an, man respektiert einander, kennt die gefahr. man weiß: underground, baby. subculture.
y: der pepe ist übrigens brasilianer, spielt aber für portugal. typisch! gibts aber bei uns auch, mesut, sami, jerome... und miro und poldi, eigentlich polen. wobei... die polen sind eh nicht so schlimm wie alle immer tun.
x: aber das eigenartige ist ja, dass sich diese gemeinschaft nur durch den ausschlußmeschanismus der masse bildet. wie ich immer sage: alles hat auch sein gutes. yin, yang.
y: die sind in wahrheit mittlerweile eh die besseren deutschen.
x: wer?
y: die polen.
x: die polen? sind die besseren deutschen?
y: politisch meine ich. die engländer seit neuestem ja auch. und sogar die franzosen. und die italiener. und die österreicher. die österreicher aber schon lange. bei denen ists ja auch nicht so schlimm... aber die franzosen. das tut weh.
x: welchen franzosen meinst du? platnini? italiener. zidane? algerier. trezeguet? argentinier. djorkaeff? armenier. viera? senegalese. desailly? ghanaer. thuram? guadeloupianer. henry? halb guadeloupianer, halb kreole. evra? senegalese. sagna? senegalsese. pogba? halb guineer, halb kongolese. koscielny? pole. abidal? kreole. benzema? algerier. nasri? algerier. matuidi? angolaner.
y: und ribery?
x: hat sich vor zehn jahren in bilal yusuf mohammed umbenannt.
y: oh mann... dann doch lieber poldi.
x: ach was. das ist das beste, was den franzosen passieren konnte. die schaffen sich einfach ab. so wie ich immer sage: deutschland muss sterben, damit wir leben können.
y: wie die platanen.
x: siehst du, jetzt hast du es verstanden!

...

Whitney Housten

Figuren: Johnny (28), Paul (33), Franziska (29)
Eine Wohnung. Johnny sitzt am Tisch. Franziska daneben. Paul steht. Überall Bierflaschen und Wurstsalat.


Johnny:
Feuer!
(Paul wirft ihm das Feuerzeug zu)
Johnny: (zündet sich eine Zigarette an): Ok. Nächste Kategorie: Die größten Todesfälle aller Zeiten, Top Drei. Ich fang an.
Paul: Ok.
Johnny: Platz Drei: Grace Kelly.
Paul: Ok.
Johnny: Der Grace Kelly Tod ist ja allgemein unterschätzt. Das wissen die jungen Leute heute gar nicht mehr, wie groß die Grace Kelly war! Hollywood Star und Prinzessin, tragische Ehe, Goldener Käfig, Stilikone! Und dann dieser Tod! Autounfall! Und noch dazu mysteriöse Umstände. Es heißt ja, ihre minderjährige Tochter sei am Steuer gewesen! Und das Begräbnis von der Grace Kelly, das haben mehr Menschen im Fernsehen verfolgt als die Mondlandung! Also Platz Drei völlig verdient!
Paul (angetrunken, Bier in der Hand. Steht an die Wand gelehnt dem Tisch gegenüber, wirkt etwas gelangweilt): Mein Platz Drei.... Michael Jackson.
Johnny: Jackson? Hmm... naja... also meinetwegen. Mein Platz Zwei: John F. Kennedy. Ist glaub ich klar oder, muss ich nicht mehr dazu sagen... Pauli?
Paul: Ja eh. Mein Platz Zwei.... Jesus.
Johnny: Jesus?
Paul: Ja. Jesus.
Johnny: Na gut, durchaus eine interessante Wahl. Philosophisch! Also, Platz Eins ist ja klar: Prinzessin Diana. Tragische Ehe, Königin der Herzen, mysteriöse Todesumstände, zwei kleine Buben zurückgelassen, die Queen gezwungen Emotion zu zeigen, ein Politikum, ein weltweiter Schock! Und so jung! Und dieses Begräbnis, dieses Begräbnis! Pavarotti weint wie ein Kind! Und Elton John! Candle in the Wind! Meistverkaufte Single aller Zeiten! Immer noch! Und das Blumenmeer vorm Buckingham Palace.... Also Diana Platz Eins, ganz klar. Bei dir auch, oder?
Paul: Meine Nummer Eins... Whitney Housten.
Johnny: Jetzt im Ernst.
Paul: Whitney Housten.
Johnny: Wenn du nicht ernst spielst, macht es keinen Spaß!
Paul: Whitney fucking Housten.
Johnny: Fuck You! (Tötet die Zigarette aus, geht zu Pauli. Packt ihn am Kragen). Diana! Sags. Sag Diana!
Paul: Whitney.
Johnny: Diana! Ich brech dirs Gesicht!
Paul: Whitney.
Johnny: Ok. Vorschlag: Wenn du Diana auf Platz Eins nimmst, dann blas ich dir einen.
Paul blickt freudig überrascht und gleichermaßen herausfordernd.Franziska: Tus nicht Pauli!
Johnny (den Blick weiter auf Paul gerichtet): Misch dich nicht ein, ich warn dich!
Franziska: Pauli tus nicht!
Johnny läßt von Paul ab, blickt zu Franziska.
Johnny: Halt dich da raus verdammte Scheiße! Ich stopf dir den ganzen Wurstsalat in die Fresse, ich schwörs!
Franziska: Der Pauli läßt sich nicht von dir erpressen.
Johnny: Doch das läßt er. Pauli?
Paul: Whitney!
Johnny: Wixer!
Franzsika: Ha! Ha! Ha!
Johnny: Fuck You!
Franziska: Fuck You!
Johnny: Na gut Pauli, du hast gewonnen. Aber...darf ich dir trotzdem einen blasen?
Paul: Ich trau dir nicht.
Johnny: Bitte bitte!
Paul: Hmm... ok.
Johnny kniet sich hin, beginnt Paul auszuziehen. Franziska beobachtet die Szene mit zunehmender Aufmerksamkeit. Johnny beginnt Paul einen zu blasen. Plötzlich hört Johnny auf. Steht auf, blickt Paul an.
Johnny: Oje. Tut mir leid. Ich muss leider aufhören. Ich hätte ja so gerne weitergemacht, aber gerade ist mir Diana erschienen in meinem Kopf und hat gesagt, ich darf nur solchen Leuten einen blasen, die sie auf Nummer Eins haben.
Paul: Drecksau. Mach sofort weiter.
Johnny: Hmm.. weißt du Pauli, ich kann ganz schnell weitermachen. Musst nur Diana sagen. Königin der Herzen.
Franzsika: Pauli, nicht nachgeben! Ich blas dir einen wenn du hart bleibst!
Johnny: Fuck You!
Franziska: Fuck You!
Johnny: Ich fick nie wieder mit dir wenn du ihm jetzt einen blast.
Franziska: Schön wärs.
Johnny: Außerdem kann ich viel besser blasen als du, der Pauli wär ja schön dumm...
Franziska: Bitch!
Johnny: Also Pauli?
Paul : Whitney!
Franziska: Yeah! So geil! So geil!
Johnny: Fuck you.
Franziska: Yes.
Johnny (gibt sich geschlagen. setzt sich wieder): Na gut. Und Franzi, wer ist deine Nummer Eins?

Franziska: Rosa Luxenburg.
Paul: Gute Wahl!
Johnny: Ihr seids so scheiße beide.

...

- fuck that. für was man sich entscheiden muss und was man wie machen darf und kann oder eben nicht, das werden wir noch sehen.

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2001 tage online. top ten leistung & vergnügen:

#10: 101 Listen. #26: Die dümmsten Beatles aller Zeiten

#9: finally

#8: Blue Jasmine: Dont call the police, if you dont know who you are

#7: 101 Listen #39: top ten gründe, die party zu verlassen / top ten gründe um auf der party zu bleiben

#6: post privacy: journal jahreswechsel

#5: "Die Fotze bin ich" - Interview mit Daniel Kehlmann

#4: personality test: you in the mirror of desire and art

#3: Post Privacy: Journal Juni

#2: Was mich glücklich macht

#1: mülheimer manifest

mülheimer manifest

ich solle doch ein manifest schreiben, so sündemann zu mir, sie bitte darum. ein manifest schreiben um klarheit zu erlangen über die begriffe, die da in mir hochgekommen sind, die in uns hochgekommen sind, alte begriffe und neue, die es jetzt gelte, in eine sprache und also in eine form und also in ein denken und also in ein leben zu bringen, in unser leben, so sündemanns vorschlag, das in den letzten jahren geprägt gewesen sei durch die intensivsten erlebnisse, die es jetzt allesamt aufzuschreiben gelte. es müsse deshalb ein persönliches manifest sein, sagte sündemann, es müsse so persönlich als möglich sein, von nichts anderem, als von mir dürfe es handeln, weshalb ich mein tiefstes inneres nach außen kehren müsse, nein fegen, was mir ein leichtes ist, da ich über nichts anderes, als über mich schreiben kann, so wie jeder mensch nur über sich selbst schreibt und spricht und denkt, wenn er denn schreiben und sprechen und denken würde. da ich jedoch weiß, dass man niemals und unmöglich sich selbst ist, sondern immer nur eine reaktion, immer nur eine interaktion, immer nur ein angriff auf eine person und eine verteidigung gegen eine person, ein begehren und einverleiben, war mir klar, dass ich, wenn ich über mich selbst nachdenken musste, auch über mein verhältnis zu den anderen nachdenken musste und letztlich auch über die anderen nachdenken musste und also auch über die gesellschaft, über die ich nichts sagen kann, außer, was sie aus mir gemacht hat, das heißt, was sie mir angetan hat. außerdem, so sündemann weiter, wäre es ihr größter wunsch, dass ich in meinem manifest auch ihre gedanken widergebe, dass ich auch ihre gedanken in eine form bringe, denn, so sündemann, ein manifest wäre gut, ein persönliches manifest, aber eben auch ein gastmal oder eine heldenreise und dann gäbe es natürlich noch ein paar dinge, sagte sie, die sich aufdrängen, sich ihr schon so lange aufdrängen würden. natürlich werde ich auch ihre gedanken widergeben, sagte ich zu sündemann, ihre gedanken, die es ja ohnehin nicht geben kann, so wenig wie es meine gedanken geben könne, weil sie allesamt gemeinsam und sowieso schon vorher und anders und besser und schlechter gedacht worden sind, weshalb niemand, auch nicht sündemann, sagte ich zu sündemann, auch nur einen einzigen eigenen gedanken zu denken im stande ist, woraufhin sündemann mir energisch erwiderte, dass es sehr wohl eigene gedanken gäbe, denn die eigenen gedanken seien nicht nur die summe der gedanken der anderen, so sündemann, da gedanken sich aus viel mehr bilden würden, aus den erfahrungen, dem verdrängten, dem bewußten und unbewußten, den bedürfnissen, den gefühlen und manchmal, so sündemann, sei auch so etwas wie glückliche fügung im spiel und wenn nie ein neuer gedanke hätte gedacht werden können, gäbe es schließlich auch nichts, woraufhin ich südemann entgegensetzte, dass es sehr wohl neue, aber keine eigenen gedanken geben könne, da alle gedanken dem denkenden im moment ihrer verbreitung entrissen werden und abgesehen davon wäre es sowieso vollkommen egal, über was ich schreibe und wessen gedanken ich wiedergeben würde, weil es dennoch immer nur ein schreiben über mich selbst wäre, weil  kein anderes schreiben denkbar und also möglich ist, und würde ich ein telefonbuch schreiben, so wäre es hunderttausendmal immer nur ein name, nämlich der meine, so wie auch all jene, die mein manifest lesen werden, nichts anderes lesen werden, als hundertausendmal einen namen, nämlich den ihren, was, so sündemann ein völliger widerspruch zu meiner behauptung sei, es könne keine eigenen gedanken geben, denn wie solle es dann ein schreiben über sich selbst geben, fragte mich sündemann, woraufhin ich nur antworten konnte, dass die welt eben so eingerichtet sei, punkt. ich will, dass du meine gedanken widergibst, dass du mein idealich schaffst, sagte südemann zu mir, das sei schneidend und präzise. ich wolle es versuchen, sagte ich zu südemann, allerdings könne ich, sagte ich, ein manifest nur im bernhardstil schreiben, weil ich automatisch in einen berhnhardstil verfalle, wenn ich ein manifest schreibe, obwohl das ansonsten gar nicht meine sprache sei, sagte ich, ich sei ja eher so der polleschtyp, wobei ich am liebsten der goetztyp wäre, am allerliebsten der goetztyp wäre, gerade, wenn es um ein manifest geht, wozu mir aber die sprachliche, aber vor allem die intellektuelle tragweite fehle, weshalb ich so schreiben müsse, wie bernhard, der ein freigeist im kerker seines eigenes denkens war, und der es sich leicht gemacht hat in allen dingen, was die größte anstrengung ist, die größte leistung, die größte disziplin erfordert, weil es sich schwer zu machen, die leichteste aufgabe von allen ist, während das es sich leicht machen, die schwerste aller aufgaben ist, außer, man ist ein verrohter mensch oder ein dummer mensch, und die meisten menschen sind immer beides zugleich, verroht und dumm, und trotzdem sind sie nicht in der lage, es sich leicht zu machen, weil sie eigentlich nicht verroht und dumm sind, nicht verroht und dumm auf die welt gekommen sind, sondern zu verrohten und dummen menschen gemacht worden sind, kaputt gemacht worden sind, aber ein letzter rest an empathie und intelligenz ist ihnen erhalten geblieben, ein letzter rest an wollen und wünschen und träumen ist ihnen erhalten geblieben, allen menschen, und dieser kern, dieser gute kern ist es, der es ihnen unmöglich macht, es sich leicht zu machen, weshalb es sich auch die verrohten und dummen menschen schwer machen. wenn man aber kein verrohter und kein dummer mensch ist, gibt es nicht schwierigeres, als es sich leicht zu machen, ohne in die verrohung und in die dummheit zu verfallen, und jedenfalls müsse ich, ich zu sündemann, müsse ich in einem bernhardstil schreiben, was mir zu denken gäbe, woraufhin sündemann sagte, darauf solle ich scheißen und mehr noch, dass es völliger unsinn wäre, ein manifest nichtim bernhardstil zu schreiben, die größte dummheit sei es, ein manifest nicht im bernhardstil zu schreiben und dass alle manifeste, die nach bernhard, aber nicht im berhnhardstil geschrieben worden seien, auf der stelle, sagte sie, und blieb in diesem moment stehen, auf der stelle vernichtet gehörten. nun blieb auch ich stehen, blickte in die richtung, aus der wir gekommen waren, blickte angestrengt in diese richtung, so, als ob die welt sich verändert hätte in den letzten minuten, allein schon durch den gedanken, ein manifest zu schreiben, woraufhin sündemann, ohne, dass ich ein wort gesagt hätte, sagte, dass sich die welt durch diesen gedanken natürlich bereits verändert habe, wodurch denn sonst. es war tiefste nacht, aus dem wind war ein sturm geworden und in wenigen minuten würde das gewitter losgehen, während wir auf das mülheimer ufer zusteuerten, sündemann und ich. die aussicht darauf, ein manifest zu schreiben, verlieh mir das mir größtmögliche gefühl von glück, das sich durch reduziertes unglück, nervosität und ungewissheit auszeichnet. dennoch wußte ich, dass mein manifest nichts als die wahrheit beinhalten würde, die wahrheit, an die ich nie geglaubt hatte, die ich nie kannte und die herauszufinden mir nie in den sinn gekommen wäre, diese wahrheit würde nun in meinem manifest das licht der welt erblicken, denn erst, wenn wir es aufgeschrieben haben werden, werden wir wissen, wie es gewesen sein wird. erst, wenn wir es aufgeschrieben haben werden, so sündemann zu mir, als wir am ufer angekommen waren und der sturm seinen höhepunkt erreicht hatte, werden wir wissen, wie es gewesen sein wird. wir blickten auf das wasser, als das gewitter losbrach und sahen ein, dass es sich jetzt nicht mehr richtig anfühlte, schwimmen zu gehen, was wir eigentlich vorhatten, zum ersten mal in diesem jahr, in diesem außergewöhnlich warmen märz, wollten wir schwimmen gehen, so früh wie nie zu vor, aber nun, mit dem gewitter und dem sturm erkannten wir, dass es jetzt zu schön wäre, zu idyllisch, zu wild. wir wußten, dass wir, wenn wir während einem gewitter im rhein schwimmen würden, nie mehr wieder zurückkommen könnten, in unser altes leben, da dieses im rhein schwimmende leben mit dem unseren nicht vereinbar ist, weil es ein paradies verspricht, hinter dem sündemann und ich nichts als eine einzige verfaulte lüge wittern, wie hinter jedem paradies. während wir auf das wasser blickten und uns im rhein schwammen sahen, zog das gewitter über mülheim hinweg, hinaus aus köln, dieser gottlosen stadt.

jetzt, da ich versuche, den begriff radikal wieder in meinen wortschatz aufzunehmen und in meine sprache zurückzulassen, sehe ich, wie sich dieser begriff im laufe der jahre verändert hat und sehe in folge dessen, wie ich mich im laufe der jahre verändert habe, denn das wort ist dasselbe geblieben, aber die bedeutung eine andere geworden. das wort ist gleich, aber der mensch, der es denkt und spricht und schreibt und schließlich fühlt und zu guter letzt lebt, oder zumindest zu leben versucht, der ist ein anderer geworden. und so stehe ich nun vor diesem begriff, ratlos und unfähig, ihn zu definieren. radikal, so sündemann, sei ein an sich ein völlig unsinniger begriff und das einzige was radikal sein könne, sündemann zu mir, ist der unermessliche abgrund der andersartigkeit der anderen, die radikale andersartigkeit von denen, über die ich letztlich nichts weiß. wenn etwas radikal ist, dann nur das, und eigentlich könne man den begriff darum auch nicht gebrauchen, so sündemann, aber ich, erwiderte ich, werde ihn wieder verwenden und erst dann erkennen, was aus ihm geworden ist. erst, wenn ich alles aufgeschrieben haben werde, werde ich sehen, was es alles bedeutet und dann werde ich es alles leben und der begriff der wahrheit, der durch mein manifest zum leben erweckt worden ist, wird wieder verschwinden, wird wieder zunichte gelebt werden. und niemand wird mich, im gegensatz zu früher, von all dem abhalten, weil ich das ab- und zurückhalten endgültig aus meiner sprache und also aus meinem leben verbannt haben werde. ich werde nur mehr die begriffe und also die menschen in mein leben treten lassen, die mich leben sehen können, die mich am leben sehen wollen. im grunde wußte ich immer, dass ich die radikal individuellen, die heftig denkenden und intensiv fühlenden menschen brauche um mich herum, die egozentriker und wahnsinnigen, diejenigen, die erschüttert werden durch ihr ausmaß an lust und wut und freude, diejenigen, die mit meiner eigenen radikalität umzugehen wissen, ohne diese meine radikalität zurückhalten und zurückstoßen zu müssen, sondern sie aufnehmen und um- und weiterleiten können, die mich ansehen und ertragen können, und die, wenn ich unansehnlich und unerträglich bin, hässlich und gemein, gegen mich in den krieg ziehen, die mich erobern und zähmen und züchtigen, nur um mich anschließend zu entfesseln, nur um anschließend von mir erobert zu werden und nur um anschließend mit mir gemeinsam in den krieg zu ziehen, gegen die welt, gegen den tag, gegen uns. ich brauche all diejenigen menschen, die mich nehmen, packen, rütteln, anstatt mich unten halten zu müssen, wie all die anderen es tun, meist aus neid, oder aber, weil sie mir nichts entgegenzusetzen haben, mir nichts entgegen setzen können, weil ich zu laut und zu stark und also zu lautstark bin und mich groß werden lassen, zu groß werden lassen, was wiederum stets in einem einzigen vorwurf gegen meine person geendet hat, jedes mal in einem ungeheuren trotz gegen mein wesen geendet hat, in welchem mir mein egoismus vorgeworfen wurde, der jedoch daraus entstand, dass ich zu viel platz hatte, um mich aufzublähen, weil da sonst nichts kam, außer die nadel, die am ende alles platzen ließ. ich konnte mich selbst niemals - und kann es heute noch nicht - entscheiden, ob ich hätte anders handeln und agieren müssen, mit den menschen, die mich groß werden ließen und mich jedoch genau dadurch klein und unten gehalten haben, weil da nichts drinnen war, in dem ballon, zu dem ich mich aufblähte, außer heiße luft. heiße luft, die dann zum platzen gebracht wurde, jedes mal zum platzen gebracht werden musste, weil mir meine erträglichkeit immer nur dann zugesprochen wurde, wenn ich mich selbst zurücknahm, was für mich bedeutet, zu verschwinden, da schon die kleinste zurücknahme meinem wesen dermaßen widerspricht, dass es ein sich auflösen und vernichten bedeutet, während es wiederum menschen gibt, bei denen ich mich mich nicht zurück, sondern herausnehme, mir alles herausnehme. die mich herausziehen, mich aus mir, alles aus mir, manches in sich hineinen ziehen und anderes wegstoßen von sich und somit auch von mir wegstoßen, weil es in diesem moment ein und dasselbe ist, weil es in diesem moment nur mehr ein wir gibt, zu dem meine unerträglichkeit genauso gehört und genauso gehören muss. ein ganzes leben aber ist man von verhinderern und verkleinerern und platzenlassern umgeben, von ballonplatzenlassern und träumeplatzenlassern, von phantasie- und geistesfeinden, von vernunftdiktatoren, die sich aus einer höllischen angst, die wiederum eine tragische folge ihres zurechtgestutztwerdens durch andere, ältere verhinderer, hals über kopf in den status quo hineinstürzen müssen und mehr noch, alle anderen mithineinreissen müssen, anstatt sich selbst anzusehen und herauszureißen, andere mit hinunterreißen, um zumindest für eine sekunde lang dem ewigen kleingehaltenwordensein zu entfliehen. und weil letztlich nahezu alle menschen diese höllische angst haben, reißen sich letzten endes nahezu alle menschen ständig gegenseitig in den abgrund, so ist die gesellschaft eingerichtet und alle systeme, vor allem die demokratischen systeme, sowie alle religionen, die jemals existiert haben, basieren ausschließlich auf der angst des individuums, auf der angst, klein und unwichtig und ungeliebt zu sein, wovon jedes system sich ernährt, am erfolgreichsten der kapitalismus, der so lange existieren wird, bis sich die menschen auf das radikalste, das heißt auf das individuellste und emotionalste, auf ihren tiefsten gefühlsebenen und allen voran in ihrer sexualität grundlegend, grundlegend verändert haben werden, was allerdings, wie ich sündemann gegenüber immer und immer wieder auf das heftigste betonen musste, niemals geschehen wird, niemals, weil der mensch von seinen physichen und psychischen grundvoraussetzungen unfähig dazu ist, woraufhin sündemann sagte, dass ich das einmal unserem alten freund fritz erzählen solle, das solltest du mal dem fritz erzählen, sagte sündemann, der mir erwidern würde, dass meine überzeugung, es könne sich nichts verändern, gelinde gesagt, so würde fritz sagen, gelinde gesagt einer der naheligendsten und schon allein daher einer der dümmsten denkfehler überhaupt sei, da die physischen und psychischen grundvoraussetzungen des menschen vom kapitalismus geschaffen werden und ganz andere wären, wenn es anders wäre, würde fritz sagen, sagte sündemann, und dass ich das in meinem manifest erwähnen müsse, würde fritz sagen, so sündemann, während ich der ganz gegenteiligen überzeugung bin, fritz wie immer diametral engegengestzt bin, da ich weiß, dass der mensch durch seine physischen und psychischen grundvoraussetzungen vollkommen unfähig ist, eine befreite gesellschaft zu errichten, weil es nichts schlimmeres und erdrückenderes gibt, als die freiheit, so ich zu sündemann mehrmals auf das heftigste, wie ich durch mich selbst und die menschen um mich herum permanent tagtäglich erfahre, da es kaum menschen gibt, die mir meine freiheit zugestehen können oder wollen, schrie ich sündemann beinahe an, und dachte dabei an fritz, den ich wie immer im verdacht hatte, über die dinge ausführlicher und also differenzierter nachgedacht zu haben als ich, so wie auch sündemann über alles differenzierter und ausführlicher nachdenkt als ich, wovor es mir selbst graust und was mir selbst unmöglich ist, da mich eine differenzierte meinung auf der stelle umbringen würde, so wie mich auch jeder ausführlich gedachter gedanke auf der stelle umbringen würde und ich sehe ja, sagte ich zu sündemann, ich sehe ja wie fritz und du durch diese ausführlichen gedankengänge in die verzweiflung gestoßen werden und die differenzierten meinungen tag für tag eure identität in tausend kleine stücke zerfetzen, so ich zu sündemann,als wir das ufer des rheins längst wieder verlassen hatten und nun stammheim durchquerten, den kleinsten und schönsten teil von mülheim, der wie aus der welt gefallen scheint, in diesem ansonsten so trostlosen stadtteil dieser ansonsten so trostlosen stadt, wie aus der welt gefallen scheint, so wie auch der stammheimer kinderspielplatz, den wir jetzt erreichten und der verlassen und verwahrlost vor uns lag. aus einem angrenzentem haus hörten wir, wie ein mann eine frau verprügelte, oder zumindest hörte es sich so an, und während sündemann die polizei rufen wollte, schlug ich vor, stattdessen darüber zu sprechen und den vermeintlichen fall häuslicher gewalt, der aus dem fenster über den kinderspielplatz zu uns herüber drang, zum ausgangspunkt unserer weiteren überlegungen zu machen, was viel mehr wert sei, als ein natürlich völlig unsinniger polizeieinsatz, da niemand weniger geeignet sei, diesen fall von vermeintlicher häuslicher gewalt zu untersuchen und also womöglich zu lösen, als ein polizist oder eine politesse, weshalb wir nicht die polizei rufen, sondern darüber nachdenken und darüber sprechen, so ich zu sündemann, denn was nun zähle sei der gedanke, sagte ich und sagte dabei einen satz, den sündemann mir einmal gesagt hatte, was nun zählt ist der gedanke wiederholte ich sündemann zitierend zu sündemann, das hast du vor vierzehn jahren beschlossen, das hat dein jugendliches ich vor vierzehn jahren beschlossen, sagte ich zu sündemann, und ich vollziehe nun diesen redlichen vorsatz, gegen dich mit dir für dich.
natürlich stimmt es, sagte ich zu sündemann, dass nicht alle menschen geschlagen werden wollen, und doch ist die unmöglichkeit der physischen gewalt gerade für diese art der gewalt, also der einseitigen maskulinen gewalt, die ohne zweifel die widerlichste form physischer gewalt ist, mitverantwortlich, da es nur den wenigsten menschen möglich ist, ihre vollkommen zu recht vorhandenen agressionen auf einer körperlichen ebene auszuleben, gerade was die sozial unteren schichten anbelangt, bei denen, und hier widersprach mir sündemann gottseidank nicht, häusliche gewalt viel weiter verbreitet ist, als in den sogenannten oberschichten, da die unterschichtsmenschen von den oberschichtsmenschen zu reinen körpermenschen degradiert werden, wobei die meisten der unterschichtsmenschen mit ihrem körper nichts weiter anzufangen wissen, als ihn systematisch zu zerstören, und das im gegensatz zu menschen wie dir oder mir, sagte ich zu sündemann, ohne den geringsten lustgewinn, der ja aus dieser systematischen körperzerstörung entstehen kann, durch alkohol, drogen und natürlich die intensivste sexuelle gewalt, was allerdings die größte kunst sei, sagte sündemann hierauf, die größte kunst sei es, seinen körper mit den von mir genannten mitteln und unter dem von mir genannten  gewinn von lust zu zerstören, dazu bedarf es, wie sündemann anmerkte, das höchste ausmaß an intelligenz und das höchste ausmaß an einfühlsamkeit und das höchste ausmaß an sexuellem verlangen, um nicht zu sagen, das höchste ausmaß an sexueller abhängigkeit. wir brauchen die selbe abhängigkeit, stimmte ich sündemann zu, die selbe sexuelle abhängigkeit, wie wir alkohl- und drogenabhängig sind und dazu noch die höchste einfühlsamkeit, die höchste intelligenz und dann auch noch den genau richtigen partner oder die genau richtige partnerin, der oder die genau die selben voraussetzungen mitbringen muss und den oder die man unbedingt und absolut begehren müsse, was natürlich alles auf einmal so gut wie nie, sagten sündemann und ich unisono, so gut wie nie vorkomme, vor allem dann nicht, wenn man sich nicht mit einer zweierkonstellation zufrieden gibt, wenn also drei oder vier oder mehr menschen all diese bedingungen erfüllen sollen, zur selben zeit am selben ort sich treffen um alles zum explodieren zu bringen, das sei im grunde unmöglich, sagten sündemann und ich, was letztlich der grund dafür sei, sagte ich, warum die unterschichtsmänner die unterschichtsfrauen schlagen, während die oberschichtsmänner und die oberschichtsfrauen nicht einmal dieses maß an zuneigung erfahren und unangetatstet an ihrem unterdrückten verlangen zu grunde gehen, aber erst, nachdem sie damit schon unzählige andere menschen umgebracht haben, sagte ich zu sündemann. und die auf ihren körper reduzierten unterschichtsmenschen, denen jede art der geistigen betätigung, jedes denken und vorstellen und ausmalen verunmöglicht wird, deren geist vom staat und den medien und der gesellschaft täglich aufs neue vernichtet wird, die für jeden moment mut bestraft werden, diese menschen können, genauso wie die oberschichtsmenschen, ihren körper nicht bedienen und schon gar nicht befriedigen, weder ihren körper, noch den körper ihrer mitmenschen, ihrer männer, frauen und kinder, weshalb die systematische körperzerstörung auf die systematische zerstörung anderer körper übergreift, da man niemals mit sich alleine sein kann und will, vor allem dann, wenn man nichts mit sich anzufangen weiß, sagte ich zu sündemann, die nun, da wir seit minuten nichts mehr aus dem fenster des angerenzenten hauses gehört hatten, nicht mehr fähig dazu war, die polizei zu rufen, was ich ja von vornherein ausgeschlossen hatte, wofür mir von vornherein der nötige weltbezug gefehlt hätte, weshalb wir unseren weg fortsetzten, in der gewissheit, schon wieder das falsche gatan zu haben, weil es nichts gibt, das richtig gewesen wäre, während genau diese ansicht, diese erkenntnis, dass es nichts richtiges zu tun gibt, die allerfalscheste ist und also die allerrichtigste und also die allerfalscheste, aber vor allem: die allerdümmste. und doch sind wir nicht mehr in der lage, anders zu denken, solange wir uns nicht von diesem denken befreien können, und es gehe jetzt darum, sagte sündemann zu mir und sagte ich zu sündemann, uns von diesem uns aufgezwungenen denken zu befreien, ohne daran zu grunde zu gehen, ohne an dieser geistesbefreiung zu grunde zu gehen, weh soll es tun, so richtig weh soll es tun, jeder gedanke soll weh tun, aber nicht vernichtend sein, schmerzhaft, aber nicht vernichtend, schmerzhaft und lächerlich, aber nicht vernichtend, schmerzhaft und falsch, aber nicht vernichtend und auf keinen fall unsexy, sagte ich zu sündemann, auf keinen fall soll irgendetwas unsexy sein in meinem leben, das wäre mein ende, wenn auch nur ein gedanke, den ich zu denken im stande bin, unsexy wäre, wäre das mein sofortiger untergang, meine kapitulation, meine selbstabschaffung, weil alles, sobald es reizlos wird, stirbt, sagte ich zu sündemann und sagte weiter, dass ich aus diesem grund nicht den anspruch erheben könne, etwas richtiges zu sagen, wenn ich auch den anspruch erhebe, die wahrheit, die natürlich immer nur meine wahrheit ist, zu sagen, erhebe ich nicht den anspruch, etwas richtiges zu sagen, weil ich nichts richtiges sagen und denken und leben werde, wenn es unsexy ist. und es soll, sagte ich zu sündemann, meinetwegen kein richtiges leben im falschen geben, aber auf jeden fall gibt es ein sexy leben im falschen und lieber gehe ich an der anstrengung zugrunde, die das diktat der sexyness mit sich bringt, als an irgendetwas anderem, woraufhin sündemann sagte, dass ich auf jeden fall am diktat der sexyness zu grunde gehen werde, es aber ohne frage ein wesentlich schöneres zugrunde gehen sei, als ein zugrunde gehen an der unsexyness, an der geistesfeindlichkeit und an dem sichverstecken.
während ich in meiner jugend noch die brutalsten konflikte ausgetragen habe, lebe ich heute weitgehend konfliktfrei und ich merke, dass ich soweit gebracht worden bin, konflikten aus dem weg und kompromisse einzugehen, sagte ich zu sündemann, die darauf nur mit einem müden lächeln antworten konnte, da sie, wie sie später einmal zu mir sagen sollte, in mir einen panzer sehe, der über beinahe alle menschen darüber fahren würde, in der hoffnung, sie würden kleben bleiben, denn das sei die einzige art, wie ich jemanden mitnehmen könne, weiterbringen könne, ein egomanischer darüberfahrender panzer sei ich, woraufhin ich zu sündemann sagte, dass eben genau dieser umstand, den ich für völlig zutreffend halte, zeige, wie weit es mit meiner konfliktunfähigkeit gekommen sei, an der ja schließlich diejenigen schuld sein, die mich über sie darüber fahren lassen, was aber eben nicht alle menschen zulassen, woraufhin sündemann ergänzte, dass, wenn schon irgendjemand schuld sei, wo wir doch beide wissen, dass schuld ein unwort ist, ein an sich falscher begriff, eine dummheit, diejenigen schuld seien, die mich über sie darüber fahren lassen um dann an mir kleben zu bleiben, was aber an sich schon völlig falsch gedacht sei und ich mir doch überlegen solle, ob es nicht erstrebenswerter sei, in die lüfte zu steigen, um nicht mehr darüberfahren zu müssen, sondern überflügeln zu können, was doch zumindest, wenn ich mich schon immer in reaktion auf andere befinden müsse, die elegantere art sei und mit meinem narzissmus doch bestens vereinbar, woraufhin ich sündemann widersprach, dass mir ja eben sehr wohl etwas an den anderen liege, ich ja ständig an andere denke und über andere nachdenke, was stets eine form von mitgefühl ist, eine form von liebe, oder eine form von hass, denn liebe und hass sind sich nicht gegenteil, sie sind gerade durch ihr gemeinsames gegenteil miteinander verbunden, der gleichgültigkeit. daher finde ich eine panzerfahrt viel empatischer als einen segelflug, fügte ich hinzu und fügte weiter hinzu, dass ich ja grundsätzlich nicht in der lage sei, zu schweben, woraufhin sündemann sagte, dann solle ich doch weiterhin über andere nachdenken, aber nicht über andere darüber denken, was mir, wie ich zu meiner eigenen überraschung resignierend antwortete, unmöglich sei, mir selbst völlig unmöglich sei, denn es gehe ja so weit, sagte ich, dass ich sogar über die unwichtigsten menschen nach- und also darüberdenke in letzter zeit, weil die gleichgültigkeit das schrecklichste zu empfindende gefühl ist, das zu leben ich scheinbar nicht im stande bin, denn alles alles alles geht mich an, wie goetz schreibt, und also denke ich selbst den unwichtigsten menschen nach und über sie darüber, anstatt über sie hinweg zu denken. es ist dieses hinweg denken können, das ich lernen muss, das nicht mit der gleichgültigkeit zu verwechseln ist, wohl eine vorhölle der gleichgültigkeit ist, aber eine erstrebenswerte, denn seit zu langer zeit berührt mich die meinung der uninteressanten, der kleingeister, die, da ihr eigenes leben und denken so arm ist, sich an das leben der anderen dranhängen müssen und mit erregtem entsetzen alles das kommentieren, was ihren kleingeistigen horizont übersteigt, was die gewohnten bahnen verlässt, vor allem, wenn es um liebe und sexualität geht, und die nichts anderes anzufangen wissen, als in ihren kleingeisterstädten, in ihren kleingeistercafes, in ihren kleingeisterklamotten zu sitzen und ihre kleingeistergespräche zu führen. ich selbst habe in den letzten jahren den fatalen fehler begangen, mich von dem berühren zu lassen, was diese kleingeister von mir denken, und habe dabei ganz vergessen, dass diese kleingeister ja gar nicht denken und jetzt heißt es für mich, mich voll und ganz auf diejenigen einzulassen, denen ich in die augen blicke und die meinen blick erwidern. davon bin ich selbst aber meilenweit entfernt, da ich immer der versuchung, nein mehr noch, dem zwang ausgesetzt bin, andere menschen zu kontrollieren und zu beherrschen, was zweifellos nur daran liegt, dass ich mich selbst nicht unter kontrolle habe, an meiner eigenen disziplinlosigkeit zugrunde gehe und die anderen mit dem zuchtstock dafür bestrafe, anstatt mich selbst zu beherrschen, was bedeutet, mich selbst zu lieben, aber das ist mir unmöglich und das grundübel meines lebens. die fehlende kontrolle über mich selbst ist die ursache meiner person, meine disziplinlosigkeit ist mein selbsthass, meine faulheit ist die geringschätzung mir selbst gegenüber, mein ständiges aufschieben von angelegenheiten ist mein nicht vorhandenes selbstvertrauen, meine weltflucht ist die flucht vor mir selbst. und so wie jede form der geringschätzung gegen sich selbst, wie jeder zweifel an sich selbst, führt diese mangelnde selbstliebe zu der geringschätzung gegen andere, zu boshaftigkeit und grenzüberschreitungen, zum versuch der inbesitznahme des anderen, zum erdrücken und zerstampfen derjenigen, die ich liebe, weil ich mich selbst nicht tragen und also nicht ertragen und also nicht lieben kann.
sich ansehen auf augenhöhe, das wäre mein innigster wunsch, alle menschen sollen sich auf augenhöhe ansehen, nicht nach oben blicken und nicht nach unten blicken, während aber die allermeisten menschen immer nur nach oben oder nach unten blicken, ihr ganzes leben, denn das sich lange in die augen schauen, auf augenhöhe, das ist das schwerste, sich tief in die augen zu blicken, und aber gleichzeitig ist es das intensivste und aufregendste und somit das radikalste und das, was das leben lebenswert, nein mehr noch: lebenswürdig macht. die anderen ziehen mich jedoch immer und immer hinunter, um mit mir auf augenhöhe sein zu können, während ich die menschen widerum hinunterwefe, um auf sie herabblicken zu können, womit ich mein leben verbracht habe und womit jetzt schluss ist, weil ich nicht mehr hinab und hinauf, sondern nur mehr gerade aus schaue. das wäre das richtige, und doch besteht unsere welt darin, dass sich alle immer und ständig hinunter stoßen, ein leben lang, und schließlich werfen sich die menschen selbst hinunter und machen sich selbst klein und dadurch groß. denn wenn man sich ganz nach unten gezogen hat, und schließlich ganz unten angekommen ist, den boden der tatsachen über sich verschlossen und zum verschwinden gebracht hat, kann einen niemand mehr hinunterwerfen, womit zumindest diese angst getilgt ist. man ist gefallen und blickt nach oben, während die anderen gezwungen sind nach unten zu blicken, wo sie doch selbst die ganze zeit damit beschäftigt sind den kopf nicht hängen zu lassen. andererseits, so sündemann, liege aber gerade im fallen, vor allem im umfallen, im umfallen und liegenbleiben eine große hoffnung. daliegen, ohne jeden blick, nicht hinunter, nicht hinauf, nicht gerade aus, sondern mit geschlossenen augen, und das am besten in der embryonalstellung, mit geschlossenen augen in der embryonalstellung am boden liegen, dem ist nichts hinzuzufügen, so südemann. wer ganz unten angekommen ist, führte ich meinen gedanken fort, und vom leid verschluckt worden ist, kennt nichts anderes mehr, als dieses leid und zu nichts anderem ist er imstande, als in sich selbst und im anderen leid zu sehen und also auch die ursache für dieses leid, von der zu sprechen in den allermeisten fällen völlig falsch und irreführend ist. wenn man sich aber in der größten selbstzerstörung ganz unten eingerichtet hat, wird im anderen die einzige möglichkeit gesehen, das leid aufzuheben, was dieser andere gefälligst durch sein eigenes leid ermöglichen soll, was eine illusion ist, eine totale fehlannahme, weil das eigene leid durch das leid eines anderen niemals aufgehoben wird, nicht einmal kleiner wird, sondern größer. denn leid, so sündemann zustimmend, ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt, und nicht, wie immer behauptet wird, das glück, denn das glück mag sich zwar verdoppeln, mag sich also auf eine oder mehrere personen ausweiten, aber gleichzeitig ruft es fast immer auch das unglück anderer hervor, während das leid immer nur leid, aber niemals glück hervorruft, so sündemann, was dazu führt, so ich zu sündemann, dass in unserer welt beinahe immer nur das leid ausgeweitet und das glück der anderen zerstört wird, weil der neid und die eifersucht die stärksten gefühle des menschen sind, die jedoch nichts anderes hervorrufen, als die zerstörung und die selbstzerstörung, weshalb die menschen mit nichts anderem beschäftigt sind, als die welt so einzurichten, dass alle menschen den gesetzen der eifersucht und ihrer perfiden logik folgen müssen, anstatt zu versuchen, die eifersucht zu verstehen, um sie anschließend auf das allerschärfste zu verurteilen und alles daran zu setzen, sie zu mildern und letztlich zum verschwinden zu bringen, was die wichtigste errungenschaft der menschheit wäre, ihre größte befreiung, der sieg der liebe und der anfang der abschaffung des kapitalismus und aller anderen totalitären systeme. so aber wird die eifersucht instrumentalisiert, denn sie bündelt alle ängste dieser welt, die radikale angst vor sich selbst findet in der eifersucht ihre diabolischste brutstätte, die permanente verachtung des induviduums durch die gesellschaft findet in der eifersucht ihre willkürlichste vollstreckerin. die eifersucht ist selbst die größte betrügerin, denn sie betrügt den menschen um seine trauer, um die trauer seines verlustes, da sie die trauer ersetzt durch wut und zusätzlich betrügt sie den menschen um das mitgefühl, das mitgefühl an der liebe des anderen, die nicht einem selbst gilt, am mitgefühl für das begehren des anderen, das nicht einem selbst gilt und daudurch wird der ehemalige geliebte zu einem endgültig verlorenen, um den herum die eifersucht einen wall baut, der den verlassenen menschen vor dem treiben des ehemals geliebten menschen schützen soll, wo er doch beide zerstört. die eifersucht ist zugleich der totale angriff und die totale kapitulation, sie führt in die absolute irrationalität, sie ist der vorschlaghammer der geistesvernichtung, der zu aller erst den eigenen stolz, die selbstachtung im menschen zerschlägt, womit alle dämme brechen, weil der mensch nun nichts mehr zu verlieren hat und zu allem bereit ist, bereit ist für alle gemeinheiten, bereit ist zu physischer gewalt. die eifersucht betrügt den menschen um sich selbst und macht aus den klügsten und liebevollsten ihrer art ferngesteuerte bestien. aus angst, von dieser tausendköpfigen vernichtsungsmaschinerie namens eifersucht befallen zu werden, gehorcht die ganze welt ihren befehlen, im vorauseilenden gehorsam und bestraft unablässig diejenigen, die sich ihr zu widersetzen versuchen. liebe bedeutet verständnis, hass missverständnis und eifersucht verständislosigkeit, verstandeslosigkeit. nichts kann zwei menschen so sehr vereinen wie der hass, und nichts so sehr trennen wie die liebe, das ist der eifersucht größte errungenschaft, sagte ich mit letzter kraft zu sündemann, als wir uns längst irgendwo in den straßen mülheims verloren hatten. ich wollte zu boden fallen, auf den mülheimer asphalt fallen um liegen zu bleiben, als mich sündemann auffing, am kragen packte und mich gegen eine hausmauer drückte mit aller kraft. gleich, sagte sündemann, aber mach erst ein ende, bevor wir uns endgültig verlieren und vollständig besaufen, sagte sündemann ohne mich loszulassen und ich fuhr fort.
die menschheit verharrt in den totalen besitzansprüchen, die sich nirgends deutlicher und unverschämter zeigen, als in beziehungen, in der inbesitznahme des anderen, die den verzicht als oberstes gebot ausgibt, ein verzicht, der euphemistisch rücksichtnahme genannt wird, oder loyalität, wo es aber doch keine rücksichtnahme, sondern nur eine zurücksichnahme ist. und irgendwann ist man so zurückgenommen, dass man sich selbst verloren hat und die endlose zweierbeziehung läßt nichts anderes mehr übrig, als die immer selben gespräche über nichtigkeiten, allen voran über den haushalt oder den urlaub oder die zeiteinteilung und also immer über nichts anderes, als über die freiheit des anderen, die es unentwegt einzuschränken gilt. und so müssen die immer selben konflikte, aufs immer neue ausgetragen werden, weil sie nicht auszutragen sind, weil sie nicht für sich, sondern für etwas anderes stehen, ganz andere ursachen haben, die immer ängste sind, weshalb in den meisten partnerschaften jahrzehntelange stellvertreterkriege übers abwaschen ausgetragen werden, bis sich einer oder alle zwei endlich und endgültig abschaffen. es werden also die völlig falschen negativen gefühle auf die völlig falsche weise ausgetragen, sagte ich zu sündemann, während die völlig richtigen negativen gefühle immer und immer zurückgehalten werden, sagte sündemann zu mir, und nur in den wenigsten beziehungen werden die wahren konflikte ausgetragen, so wie sich leider auch nur die wenigsten partner gegenseitig in die fresse schlagen, um sich anschließend, blutüberströmt, mit der innigsten leidenschaft zu küssen und der innigsten vertrautheit zu umarmen, was manchmal das beste wäre, nein mehr noch: das einzig richtige. sich so nehmen, wie man ist, und sich dafür so richtig eine reinhauen, sagten wir
und schlugen zu
und glücklich auf dem asphaltboden auf.

...

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Lebensmensch - 2014-06-20 20:47

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"Because Kunst" @neinquaterly .............................. "Die Zeit heilt alle Wunden - heißt natürlich, warten bis die Leute Scheiße aussehn." @Rene Pollesch ...................................... "Mit Honig auf dem Kopf tue ich natürlich etwas, was mit denken zu tun hat." Joseph Beuys .............................. "Aufwachen und durchdrehen" @annemarie kuckuck

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