Eigene Texte
mei oide
i hatt se net
so fest
wüagn soin
Lebensmensch - 2011-08-21 09:30
Gezeigt wird ein Park, es kann Frühling sein, oder auch Herbst. Der Park darf kein Hofgarten sein, kein Ziergarten, kein Botanischer Garten o.ä. Es handelt sich nicht um einen Verbotspark. Gemeint ist ein Stadtpark mittler Größe. Hier kann man sich junge Menschen in den Wiesen liegend vorstellen – auch wenn keine solchen gezeigt werden. Der Stadtpark in Bochum wäre beispielsweise passend, dort könnte unsere Geschichte spielen.
Totale. Ein Hügel in besagtem Park. Zwei Parkbänke diagonal, je eine am oberen und am unteren Rand, dh am Gipfel und am Fuße des kleines Hügels. Auf der oberen Bank sitzt eine junge Frau, unten ein Mann gleichen Alters. Die junge Frau trägt einen roten Regenmantel, der Mann einen Anzug, darüber vlt. eine gelbe Warnweste, wie sie in Kofferräumen zu finden sein sollten. Die Frau, sie raucht, sieht nervös aus, sie blickt regelmäßig um sich, nach links, nach rechts und hinter sich, nur zu dem jungen Mann sieht sie nicht. Der hingegen sitzt ruhig da, blickt jedoch immer wieder zur jungen Frau hinauf, bis er endlich aufsteht um den Hügel zu überqueren.
Der Mann (neben der Frau zum Stehen gekommen): Entschuldigen Sie bitte...
Die Frau reagiert nur mäßig, blickt weiter um sich.
Der Mann: Entschuldigen Sie, ähm... ich bin...
Die Frau (sieht zum Mann auf): Guten Tag.
Der Mann: Guten Tag. Ich bin...
Die Frau (reicht ihm die Hand, erhebt sich etwas): Guten Tag.
Der Mann (nickt eifrig, höflich): Ja, guten Tag, guten Tag, Grüß Sie... ect
Sie reichen sich die Hände. Nun können sie miteinander sprechen.
Der Mann: Bitte verzeihen Sie meinen Überfall, aber es ist so, ich bin... wissen Sie ich bin... ähm... der Parkwächter hier! Ja genau, der Parkwächter.
Die Frau: Mhm.
Der Mann: Ich passe auf, dass hier alles in Ordnung bleibt. (gestikuliert mit den Händen um „Alles“ zu zeigen). Im rechten Lot!
Die Frau beginnt wieder um sich zu blicken, zieht an ihrer Zigarette.
Der Mann (ernst, besorgt): Ich muss Sie darauf hinweisen, dass hier im Park Rauchverbot herrscht. Jawohl Rauchverbot! Bitte töten Sie also ihre Zigarette aus. (Er drückt eine imaginäre Zigarette auf seiner Handfläche aus)
Die Frau (jetzt konzentriert): Und wenn nicht... sperren Sie mich dann ein?
Der Mann: Wie bitte?
Die Frau: Sperren Sie mich ein?
Der Mann: Naja, also...
Die Frau: Sperren Sie mich ein, ich flehe Sie an. Ich flehe Sie an, nehmen sie mich fest!
Der Mann wirkt verdutzt.
Die Frau (mehr zu sich selbst): Das wäre jetzt genau das richtige für mich. Eine Haftstrafe. Eine Nacht im Gefängnis und alles wäre wieder gut. Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen.
Der Mann: Wir finden sicher eine andere Lösung.
Die Frau: Um Gottes willen, nein! Ich werde verfolgt. Man ist hinter mir her, man will mich töten.
Der Mann: Ähm...
Die Frau: Ich schwebe in Lebensgefahr. Junger Mann, verstehen Sie mich? Man trachtet mir nach dem Leben! Es kann jeden Moment so weit sein. Ich weiß, dass Sie mir helfen können. Sperren Sie mich ein und ich bin in Sicherheit.
Der Mann: Also jetzt hören sie mal...
Der Frau (laut): Ich weiß, dass Sie es können! Lassen Sie mich jetzt nicht im Stich. Es ist ein Wunder, dass ich es überhaupt bis hierher geschafft habe, aber ich habe bald keine Kraft mehr.
Der Mann (in verändertem Ton): Ok. Jetzt mal ganz im Ernst, ja? Ganz im Ernst. (macht eine Geste die bedeutet: „Jetzt mal ohne Scheiß.“) Werden Sie wirklich verfolgt? Bitte seien Sie ehrlich, das ist eine ernste Angelegenheit.
Die Frau: Die Zigarette?
Der Mann: Der Park! Äh, Ihre Angelegenheit natürlich, Ihre Verfolgung.
Die Frau reagiert nicht.
Der Mann: Also werden sie jetzt verfolgt oder nicht?
Die Frau: Wenn ich Ihnen doch sage...
Der Mann: Oder, sind Sie... ich möchte Ihnen nicht zu nahetreten (zeigt mit seiner Körperhaltung „Distanz“), aber: Sind Sie verrückt? Ich meine das ganz wertfrei, das kommt in den besten Familien vor, aber sagen Sie mir bitte, seinen Sie ehrlich...
Die Frau: Und wenn nicht? Dieses Risiko wollen Sie eingehen?
Der Mann: Ich trage hier die Verantwortung. Das ist mein Park und ich passe darauf auf.
Die Frau: Dafür möchte ich Ihnen danken. (reicht ihm die Hand) Vielen Dank.
Der Mann (lächelt): Danke, ich weiß das zu schätzen. Vielen Dank.
Die Frau: Der Park bedeutet Ihnen sehr viel.
Der Mann (lächelt unsicher): Der Park? Jaja. Natürlich.
(Pause)
Die Frau: Ich habe Angst.
Der Mann: Ich habe meine Anweisungen.
Die Frau: Bitte. Ich bitte Sie, sperren Sie mich ein.
(Der Mann schüttelt den Kopf)
Die Frau: Nehmen Sie mich in Schutzhaft.
(Der Mann schüttelt den Kopf)
Die Frau: Oh mein Gott!
Der Mann: Reißen Sie sich zusammen!
Die Frau: Ich werde sterben!
Der Mann: Hier nicht! Hier wird Ihnen nichts passieren.
Die Frau: Im Park? Ach ja richtig. Aber ich kann so nicht weiterleben.
Der Mann: Ich kann Sie nicht festnehmen, damit habe ich nicht gerechnet. Das habe ich nicht erwartet.
Die Frau: Es ist sehr ruhig hier im Park.
Der Mann: Darauf war ich nicht vorbereitet.
Die Frau: Der Lärm, das ist es. Oft schreit Einer, oder Mehrere, ganz plötzlich, sie brüllen und dann wird man niedergeschossen. (hält beide Hände vor den Mund, ist geschockt)
Der Mann: Ich habe meine Kompetenzen und meine Grenzen. Ich möchte gerne alles so tun, wie es richtig ist.
Die Frau: Andere machen so schnelle Bewegungen, so unvermittelt. Passen Sie auf auf, aber es kann auch ein Unfall sein. Es kann auch den Falschen treffen.
Beide schweigen.
Der Mann: Ich muss jetzt gehen. (dreht sich um, will gehen)
Die Frau (ruft ihm nach): Junger Mann! Hier, Sie haben Ihre Zigaretten vergessen!
Der Mann zögert kurz, nimmt die Packung aus der Hand der Frau und geht.
Totale. Der Mann geht langsam zurück zu seiner Bank, die Frau blickt nach allen Seiten und zündet sich eine Zigarette an. Der Mann nimmt wieder auf der Bank Platz. Nach einer Minute dreht er sich um und sieht zur Frau, dann wieder geradeaus.
Lebensmensch - 2011-05-15 17:12
Das Orakel kommt plötzlich hinzu, als eine Runde Männer gesellig beisammen sitzt: Jemand von euch ist ein zukünftiger Mörder! Großes Erschrecken. Das Orakel zeigt auf Einen. Der Betroffene: Was ich? Geh also bitte! Das Orakel: Wundert Sie das? - Najo, im Grunde schon natürlich. Aber wenn ich mir so ausmale, wenn jemand meine Frau umbringen tät, oder meine Kinder vergewaltigen würd, ich mein, sowas stellt man sich ja vor, ab und zu, sie verstehen, hmm... ja dann würd ich wohl zum Mörder werden, so wies aussieht. Ich hätts mir jetzt nicht unbedingt so vorgestellt, meine Zukunft und alles, aber bitte, wenn sie es sagen.
Danach, als er mit seinen Freunden wieder allein ist: Geh bitte, schauts mich nicht so an, ich bin kein böser Mensch nicht, ich schwörs, zumindest noch nicht! Jetzt tuts doch normal, euch tu ich ja nichts. Hallo! Redets mit mir, sehts mich zumindest an, ich habs eh schon schwer genug... usw.
Lebensmensch - 2011-05-04 15:25
Nach Tagen der Fassungslosigkeit, doch noch ein kleiner Tribut an den großen toten Peter Alexander. Einen kleinen Schlager, lieber Peter, hab ich für Dich getextet, vielleicht fällt Dir dort oben ja mal eine Melodei dazu ein. Wir sehen uns wieder!
Vokabeln der Liebe
Ich war niemals gut in Latein
Das Griechische war auch nie Mein
In bella Italia versteh ich nur Spanisch
für mich klingt alles Fremde wie Japanisch
Doch eine Sprache spreche ich in jedem Land
die Sprache des Herzens, braucht keinen Verstand
Vokabeln der Liebe
die spricht jede Frau
Je t'aim, I love you, Ich liebe dich
My Darling, das verstehst du genau
Je t'aim, I love you, Ich liebe dich
My Darling, das weißt du genau
Der rote Iwan mit Hammer und Sichel
ist nicht zum Scherzen aufgelegt
doch ein Kuss wonnetrunkener Lippen
ist etwas, das der Iwan auch versteht
Der harte Cowboy, der wilde Indianer
sind wie Nacht und sind wie Tag
jedoch ein Blick schöner Frauen Augen
ist etwas, das jeder Mann mag.
Vokabeln der Liebe
die spricht jede Frau
Je t'aim, I love you, Ich liebe dich
My Darling, das verstehst du genau
Je t'aim, I love you, Ich liebe dich
My Darling, das weißt du genau
Drum lege weg, mein Mädchen, die Vokabeln
aus der Schule, ach da hauen wir ab
Komm zu mir, in die Schule des Lebens
dort sind Kuscheln und Küssen Hauptfach
komm zu mir, in die Schule des Lebens
dort sind Kuscheln und Küssen Hauptfach
Vokabeln der Liebe
die spricht jede Frau
Je t'aim, I love you, Ich liebe dich
My Darling, das verstehst du genau
Je t'aim, I love you, Ich liebe dich
My Darling, das weißt du genau
Lebensmensch - 2011-02-18 13:03
Der gebürtige Malteser und ehemalige Fußballprofi Shaun Astarita, wir treffen ihn bei seinem Besuch im Wiener Zoo Schönbrunn, staunt beim Eintritt in das Reptilienhaus nicht schlecht, als er die dortigen Aquarien erblickt: Na Wohnsinn! Diese großen Aquarien, so groß wie ein Tor, denkt Astarita, da möchte man gerne hineinschießen! Alles würde dann herausfließen. Rein mit dem Ball und raus mit allem Anderen! Alles muss immer hineingehen, ab durch die Mitte! Hinten und vorne muss alles immer hineingehen, so wie auch alles hinten und vorne wieder herauskommt. Das ist die Natur, weiß Astarita. Einen Ball, einen Ball will er haben. Das gäbe ein lautes TschaggBum, wenn ich die Scheibe von dem riesigen Aquarium da kaputt schießen dürfte. Ja, wir wissen, beim Astarita ist das was anderes, als wenn das ein Lausbub oder ein anderer Ausländer tut. Immer mit dem Kontext im Augenwinkel denken! Aber die wissen gar nicht, wen sie vor sich haben! Beim 1. Simmeringer SC hat er dabei sogar gespielt! Quasi hier um die Ecke! Das waren aber doch ganz andere Zeiten damals, und es war nicht alles schlechter. Ach, ist das schon wieder lange her. Oder: Ach, ist das schon wieder so lange her? Heute ist alles anders. Das weiß auch Astarita. Der gebürtige Malteser denkt daran, dass er vor dem Computer immer öfter die Hose auszieht und die Unterhose auszieht. Wenn er nicht aufpasst, dann sind da die braunen Streifen auf dem Polster. Dagegen weiß er sich aber auch nicht zu helfen. Die Haushälterin darf nur nichts davon erfahren! Das Polster ist aber am Stuhl festgebunden, das Polster ist weiß! Er ruft an: Kommen Sie morgen nicht. Bitte, hätte er fast gesagt, aber so dumm ist er nun auch wieder nicht. Nein, nein. Ihm wird schon etwas einfallen... oder Shaun? Aber natürlich! Frau Haushälterin. Ich muss nach Österreich, ich wurde eingeladen. Sie wissen, ich habe drei Jahre lang beim 1. Simmeringer SC gespielt! Die Bilder aus dieser Zeit hängen ja bei mir an der Wand, sie kennen diese Bilder, nicht wahr? Ich nehme doch an, sie sehen sich, was sie abzustauben haben, auch an. Man kann das Notwendige oft mit dem Nützlichen verbinden. Wien, die Hauptstadt, diese berühmte Stadt. So viel Geschichte und Tradition. Verständlich, dass man da immer wieder mal eingeladen wird, das ist nun mal im Fußball so! Ich kann unmöglich sagen, wann ich jemals wiederkommen werde und rufe dann an. Auf Wiederhören! Da ist er jetzt nicht unstolz auf sich. Der hab ichs gegeben, denkt Astarita, die wird sich hüten, hier jemals wieder rumzuschnüffeln. Bravo, Bravo! Und nun: Stille. - Möchte man glauben. Aber anstatt dass da nun Stille war, war da diese Musik im Radio (im Radio?), diese verteufelte Musik, die einem nahezu alles weißmachen kann. Hat der Shaun etwa absichtlich die Stereoanlage laufen lassen. Shaun? Er dreht sich. Hier haben wir es nämlich mit einem ganz besonders schönen Lied zu tun, das der ehemalige Fußballprofi schon oft gehört hat. Auch das mag der Astarita, mal abschalten und einfach nur zuhören. Er hat auch Gefühle, schon im Fußball war das so. Ein Mittelfeldspieler, ein echter 10er (ein Ballzauberer!). Astarita setzt sich erst gar nicht. Auch zieht er seine Hose nicht wieder an. Er schließt die Augen, er dreht sich gaanz langsam im Kreis, im Rhythmus der Musik nämlich und singt mit (what have I become / my swedish friend) er breitet die Arme aus, wie Jesus, denkt bltzschnell über sein Leben nach, alles in einem Moment gebündelt und er beschließt (everyone I know / goes away / in the end): Ich fahre. Verdammt nochmal, ich fahre. Man kann das Notwendige oft mit dem Nützlichen verbinden.
Wien, wir kommen! Dada-Dadadada! Wien, wir kommen! Dada-Dadadada! Umso näher er der österr. Bundeshauptstadt, der Stadt mit der Geschichte, gekommen ist, umso öfter und im Tackt mitwippender hat er sich selber angefeuert. Aber wer beschreibt erst seine Freude, als er, am Flughafen gelandet, die ersten Schritte tat, auf heimischen Boden, hätte er fast gesagt. Hat er aber nicht. Aber gedacht hat er es sich. Und außerdem: Hier hört mich ja keiner. Hier bin ich Mensch. Ihr könnt mich mal, ihr scheiß Malteser, ach wie ich dieses Land hasse. Aber das tut ihm jetzt auch schon wieder leid. Das war eben diese erste Euphorie, Sie wissen ja. Man tut da Dinge, die man im Nachhinein wieder bereut, wir Fußballer können Ihnen ein Lied davon singen. Wir können aber auch noch ganz andere Lieder singen, ich muss ihnen schließlich nichts über das fruchtbare Verhältnis vom Musik und dem Ballsport im Allgemeinen erzählen. Aber schauen wir uns doch lieber einmal die Fische an! Die sind aber bunt, so schöne Farben!, die hier sind jedoch ganz langweilig, die sind hässlich, so ein fettes Maul, so ein Sau-Maul, was will er damit, oh, hier ein ganz großer und was ist das? Piranhas! Oh mein Gott! Astarita hüpft von einem Bein auf das Andere. Piranhas. Ja, die kenne ich wohl. Das sind die Killerfische. Was löst das bei Ihnen aus? So ein Gefühl von Vertrautheit, von Heimat. Nein. Das war die falsche Antwort. Was löst das bei Ihnen aus? Angst natürlich. Ich bin ja nicht krank! Nein, schnell weg von diesen Mördertieren. Von diesen gemeinen Mördertieren wohlgemerkt, denn es gibt ja noch ganz andere Mördertiere. Die majestätischen. Sie wissen was ich meine. Ja richtig. Der Löwe. Den Löwen hab ich gemeint. Der schöne Löwe. Der König der Tiere. Der tötet mit Sinn dahinter, nicht aus Bosheit wie diese Fische. Der kann auch mal ein Spiel alleine entscheiden, der Löwe, nicht so wie diese Gruppentiere. Das war mir auch immer wichtig, denkt Astarita, die Selbstverantwortung, grad im Spiel, wo ich noch immer sag, es sind letztlich die individuellen Unterschiede. Im Grunde kann man immer alles auf einen Nenner bringen.
Jetzt, wo ich das Reptilienhaus hinter mir habe, sehe ich keine Zukunft mehr für mich. Aber geh! Das hab ich jetzt auch wieder nicht so gemeint. Es is nur... manchmal da befällt mich so ein Gefühl, da möcht ich dann aus allem raus. Wollen Sie darüber reden? Ja. Im Grunde bin ich mit meiner Leistung zufrieden, nur das Ergebnis passt halt nicht. Sie müssen nur fest an sich glauben. Na Wohnsinn, die Giraffen! Das sind ja auch so blöde Viecher im Grunde. Ich bin aber zufrieden. Was ist jetzt wohl mit dem Polster? Mit den braunen Streifen, da kann ich nie wieder zurück. Die Giraffe ist ja ein Vegetarier und nichts gegen meinen Löwen. Ich bin aber auch für die Artenvielfalt. Ich ruf die Dings an, die Frau Haushälterin. Nein! Bist du verrückt? Das tust nicht. Die scheißen da einfach auf den Boden in ihrem Käfig, die ganzen Tiere. Der ehemalige Fußballprofi denkt immer daran, was gewesen wäre, wenn sich einer von den anderen einmal in die Hose geschissen hätte, mitten im Spiel, oder beim Elfmeterschießen. Beim Elfmeterschießen hätte ich dem Torwart gerne eines hineingeschossen, während er die ganze warme Scheiße in der Hose gehabt hätte und nicht nur ich. Da beißt der Astarita jetzt ganz fest seine kleinen Zähne zusammen und klatscht in die Hände. Immer mit der Gaga in der Hose. Ich gehe wieder ins Reptilienhaus. Oder nach Hause. Ins Hotel und dann hinauf zum 1. Simmaringer SC, zum Sportplatz. Ich gehe zum Sportplatz und lasse mich feiern. Und dann kaufe ich mir ein Aquarium. Vielleicht kann mir das dann die braunen Streifen verdecken.
Gott im Himmel, lass mich nie mehr zurück kehren.
[erste, unvollständige aber vielleicht letzte endgültige fassung]
Lebensmensch - 2011-02-15 18:12
Der Donauwalzer in allen Facetten
Kapitel Zwei: Zahnarzt.
Wie lang wird denn das noch dauern? Seit einer Stund sitz ich schon da. Soll ich noch mal das Kirchenblattel lesen? Herrgott, das hat jetzt diese alte Frau. Was der wohl fehlt? Hat sicher schon die Dritten und stiehlt Notfällen wie mir die Zeit. Nur gut, dass ich vorher dran bin! … Ein bisserl Angst hab ich schon. Ich hoff nur, dass die Spritzn gut wirkt. Nur keine Schmerzen will ich haben, der Rest ist mir eins. Am liebsten hätt ich gleich zwei Spritzn, aber da trau ich mich nicht fragen. Die lacht mich noch aus, die Ärztin, die Frau Doktor. An Mann hab ich nicht gfunden, so auf die Schnelle. Man muss nehmen, was kommt, sag ich immer. Nur komisch, dass die so kurzfristig an Termin frei gehabt hat, das beweist, dass zu der keiner kommen will. Nur die Alte da, die weiß aber nicht mehr was sie tut und ich armer Depp. Aber es ist ein Notfall! Ein Not-Fall! Hauptsach, die nimmt mir die Schmerzen, eine Korrektur lass ich dann beim Dr. Sulzner machen.
Endlich.
Die sagt kein Wort, die Frau Doktor, macht den Mund nicht auf. Würd ich auch nicht, wenn ich könnt. Auch die Assistentin redet nichts. Die darf nicht, weil sie nur Unsinn redet. Für jedes Wort das sie sagt, bekommt sie von der Chefin nach Dienstschluss eine geknallt. Wenn sie selbst Zahnärztin werden will, geschieht ihrs nur recht und wenn nicht, dann auch. So wie die mit dem Schlauch herumfuhrwerkt... Jesus Maria und Josef. Die saugt mir ja tatsächlich noch den letzten Tropfen Spucke aus der Goschn, wie ein Vampir. An was die jetzt wohl denkt? Vielleicht stellt sie sich mich grad nackt vor, da in dem Stuhl und womöglich noch anbunden, dass ich mich nicht wehren kann. Das würd dir gefallen, gell? Aber so schnell schießen die Komantschen nicht, wie der Assinger sagen würd. Schad, dass der sich so mit dem Maier gestritten hat, das mag ich nicht. Grad jetzt wärs so wichtig. Jetzt reiß doch den Schlauch nicht so herum, du Schlampn! Da muss ich noch kotzen. Ich hab eh schon so ein ungutes Gefühl im Hals. Oje, jetzt stoßts mir schon ein bisserl auf, gleich schluck ich’s wieder. Besser. Na das wär ja eine Katastrophe, wenn ich denen da alles vollspeiben tät. Vor Schreck lässt die Zähnärztin dann noch den Bohrer los und der reißt mir die Wangen auf, während ich an meiner Kotze erstick. Die Assistentin wär ja zu blöd um einzugreifen. Die würd sich grausen und davon laufen. Und die Ärztin hätt womöglich mehr Sorg um ihren Bohrer, als um mich. Soweit darf ich’s nicht kommen lassen. Ich schließ einfach die Augen und denk an was Schönes. An eine schöne Melodie, die soll mich mitnehmen, auf eine grüne Wiese. Der Donauwalzer! Ich denk an den Donauwalzer, das ist so eine feine Melodie, dass einem das Speiben war nicht passieren kann. Ram-tatam-tam-tam ram-tatatam und ramtamtam. Ich hab mir, als ich noch jung war, vorgenommen, ein Jahr lang jeden Sonntag den Donauwalzer anzuhören, weil ich ihn in der Silvesternacht verpasst hab damals. Tam-tatatam... Obacht, ich darf nicht so mit dem Kopf wippen, sonst rutscht mir der ihr Schlauch in die Luftröhren und ich erstick zum Donauwalzer. Aber, das wär ja fast ein schöner Tod. Ein Wiener Tod. Oh du mein Wien. Der ist sicher eh schon einer weggestorben, an dem ihrem Sezierstuhl. Da kann sie der Leichen dann gleich die Goldzähn raussaugen, diese, diese, Au! Das hat wehgetan. Au, au, bitte nicht so fest, nicht bitte... Hilfe! Ich könnt ein Handzeichen geben... nein das trau ich mich nicht. Ich schau die Assistentin ganz hilfesuchend an. So. Die Augen ganz weit auf, so ist gut. Hallo. Haalloo! Es tut weh! Die schaut nicht her. Nicht in meine Augen. Ja reden kann ich so nicht, du Kalb! Mein Gott! Da muss ich jetzt durch. Alfred, sei stark! Fredi, wie die Doris sagen würd. Ach die Doris... Der Donauwalzer! Wo war ich? Ich fang nochmal am Anfang an, bei den zierlichen Geigen. Zierlche Geigen, wie schön ich reden kann, wenn ich will. Wenn ich könnte! Oh, denen könnte ich schöne Sachen sagen, den Beiden, das hören die in ihrer Praxis gar zu selten. Ich werd was ganz Schönes sagen, wenn die fertig sind. Dann hab ich so eine saubere Goschn, da sollen dann auch nur die schönsten Worte herauskullern. Ich sag was, wo die sich denken: „So einen Gast haben wir selten.“ Jawohl, Gast werden sie sagen, nicht Patient. Oder junger Herr, das wäre korrekt. „Das war aber ein feiner junger Herr.“ Aber dafür sind die zu gschert. Zum richtigen Arzt hats nicht gereicht, dann halt Zahndoktor. Alles nur wegen der Kohle. Ich werde sagen, wenn ich fertig bin: „Verehrte Fräuleins, das Vergnügen war ganz meinerseits, habe die Ehre.“ Na da werden sie dreinschauen, diese Weiber... Oh, oh oh! Da tuts ganz fest weh, ruhig bleiben, ruhig bleiben... dadadadadada.... Autsch! Nur ruhig Blut, Wiener Blut, Haha, Autsch! Herr im Himmel! Am Sonntag geh ich wieder einmal in die Kirchn, wenn ich das gut überstehe. Oder doch nicht. Glaubst ja selber nicht, Alfred, dass in die Kirchn gehst. Ich sag immer, zum rechten Glauben, brauch ich keine Kirchn. Nein, nein. Den Donauwalzer werd ich mir anhören, wenn ich daheim bin. Obwohl... was wär, wenn ich den Donauwalzer jetzt nie mehr hören kann, ohne an diese Folter da zu denken. So was solls ja geben, so eine Art Trauma. Oje oje! Daran hab ich gar nicht gedacht. Jetzt verleidet mir diese Arzthur noch den Strauß selig. Dabei kann die mit dem Strauß ja gar nichts anfangen, die mit ihrem Britpop! Von der Assistentin möcht ich gar nicht redn. Ich hab auch Angst, dass ich plötzlich einen Krampf bekomm, im Kiefer, und mein Mund ganz fest zubeißt, ohne, dass ich was dagegen tun könnte. Wenn ich in den Metallgriff von dem Bohrer da reinbeiße, na das wär grauslig. Na bitte garschen... da darf ich gar nicht dran denken. Donauwalzer! Nein halt, an den darf ich auch nicht mehr denken. Wenn ich in das Metalldings da reinbeiß, wegen meinem Krampf, dann bin ich mein restliches Leben lang behindert. Noch mehr Angst hab ich aber vor dem blind werden, na gut, das kann hier ja nicht passieren, also da müsste es schon saublöd hergehen. Aber so grundsätzlich. Blind sein, das wäre schrecklich. Das wär sogar für die Assistentin da schlimm, obwohl die sicher nichts fühlt. Aber ich bin eben sensibel. Ich mache mir eben Gedanken. Man muss immer aufpassen. Sekunden können oft über Leben und Tod entscheiden. Aber bitte, da bist dein Leben lang vorsichtig und dann bekommst du so eine Zahnärztin! Das ist ja der eigentliche Jammer im Leben, dass man letztlich immer den Zufällen ausgeliefert ist. Weil aber die Frauen heute schon überall ihre Finger im Spiel haben müssen, sogar in meiner Goschn! Nein jetzt beruhig dich Fredi, die kann ja auch nichts dafür. Es gibt auch gute Frauen.
Ich weiß noch, mein erstes Silvester mit der Tant Marie. In Bad Hall. Da haben wir getanzt, zum Donauwalzer getanzt um Mitternacht. Die Tant Marie hat mir ihren Busen so gegen das Gsicht drückt, gar nicht mehr loslassen wollt sie mich. Da muss ich heut noch dran denken. Ich weiß noch genau, wies grochen hat, wie eins von die Pferd. Und zum Abschied hat sie mir 20 Schilling in die Hand gebn und gsagt, „das ist dafür, dass du so schön zum Donauwalzer tanzen kannst.“ Im gleichen Jahr ist sie gestorben. Ach Gott, Tant Marie! Wie ich dich vermiss.
Was...? Ist schon aus? Ja das is fein. Ausspülen und spucken. So schlimm wars gar nicht. Jetzt wos vorbei ist. Die haben es wohl nur gut gemeint mit mir, die beiden. Gell Weibi, nur weils nix kannst, bist kein böser Mensch nicht. So wie ich.
Lebensmensch - 2011-02-02 20:19
Er, sagst du, der Vater, hat dich in jener Nacht, und zwar mitten in der Nacht, nicht erst kurz nachdem du in den Dachboden auf dein Zimmer und ins Bett gegangen bist, sondern als du, wie du sagst, dich bereits in einer tiefen Schlafphase befunden hattest, aus dem Schlaf gerissen damals und mit voller Wucht. Du sagst: „Er stürmt in mein Zimmer, reißt die Türe auf ohne anzuklopfen und ich die Augen. Ich glaube, dass ich kein Recht habe, etwas zu sagen“, sagst du, „und sage nichts. Schon steht er mit beiden Beinen auf meinem Bett, in der linken, bereits erhobenen Hand, eine zusammengerollte Zeitung und er schlägt damit auf meinen Kopf, schlägt damit auf meinen Kopf, er schlägt damit auf meinen Kopf, auf meinen Kopf.“
Als du das sagst, sehe ich kurz Fingerspitzen unter dem Bett hervorblitzen, vielleicht aber auch glaube ich nur das zu sehen, um zumindest irgendetwas zu sehen, das mir ein Zeichen gibt oder eine Gewißheit oder eine Bestätigung über die Richtigkeit deiner Erzählung. Du aber bleibst unsichtbar. Endlich nehme ich Platz, wische den Stapel an Kleidung vom Stuhl, alles fällt zu Boden, und setze mich, ohne mir den immer noch tropfenden Regenmantel auszuziehen.
„Dann erst hat der Vater gesprochen, oder eigentlich geschrien: «Die Tochter vom Alexander ist gestorben.» so der Papa «jetzt macht ers nicht mehr lang! Zuerst die Tocher und dann der Vatta, weil das überlebt er nicht, das Schwein. Das raubt ihm jeden Lebenswillen, in ein paar Tagen ist er tot.“ schreit er und schlägt damit auf meinen Kopf. «Du komm jetzt, steh auf du faules Schwein, jetzt ist es mitten in der Nacht, steh auf jetzt und geh zum Saska rüber, weck ihn auf, das faule Schwein, und sag ihm: Die Tochter vom Alexander ist gestorben! Das sagst du ihm und dann, wenn er die Augen aufreisst, sagst du ihm, bevor er etwas sagen kann, Kind, das ist wichtig, dass du ihn gar nicht zu Wort kommen lässt, damit ihm der Schock, den ihn sicher wegen dem Tod der Tochter vom Alexander befallen wird, im Hals stecken bleibt, dann also sagst du ihm: Jetzt macht ers nicht mehr lang, das Schwein, der Alexander, das soll ich dir vom Vatta sagen», so mein Papa zu mir, als ich noch keinen Fuß aus dem Bett tun konnte und mir wünschte, ich würde unter dem Bett liegen, nicht oben drauf, wo mich jeder und vor allem der Papa finden kann, sondern unten, unterm Bett will ich sein. Der Papa aber hat mir die Decke schon weggerissen gehabt, als er wieder lautstark zu schreien begann: «Ich wollt mich schon schlafen legen, als ich in der Zeitung die Nachricht entdeckt habe, dass die Tochter vom Alexander gestorben ist, stell dir vor. Den ganzen Tag schon hab ich die Zeitung gelesen, von vorn bis hinten, wie ich geglaubt hab, aber erst jetzt, mitten in der Nacht hab ich…» hat der Papa gesagt und hat gar nicht fertiggesprochen, sondern sich auf mein Bett gesetzt, in der Linken immer noch die zusammengerollte Zeitung, und tief ausgeatmet. «Dass ich das noch erleben darf…» Dass ich das noch erleben darf, hat er gesagt“, sagst du und schweigst.
Ich sehe den Berg an Kleidung neben meinem Stuhl und sehe das Bett unter dem du dich verkrochen hast, schon bevor ich in meine Wohnung kam, Gott weiß wie lange du schon da unten liegst, ich werde dich nicht fragen, aber jetzt stehe ich auf, öffne das Fenster und höre die Betrunkenen schreien. Ich zünde mir keine Zigarette an, obwohl ich Lust dazu hätte, aber irgendetwas hält mich davon ab, stattdessen setze mich wieder. Du sagst: „Der Papa hat lange nichts gesagt, sondern hat auf seine zusammengerollte Zeitung geschaut. Ich habe gehofft weiterschlafen zu können und wieder meine Augen geschlossen, als mich die Zeitung mitten ins Gesicht getroffen hat. „Nicht einschlafen! Geh jetzt zum Saska. Zieh die Stiefel an, weil es regnet, und lauf.» Er steht auf und geht im Zimmer herum. Papa beginnt zu lachen, als er wieder auf die Zeitung blickt, ganz hemmungslos wie er das sonst nur betrunken macht, und jetzt geht er zum Fenster und macht mit einer Hand, weil er die Zeitung nicht loslassen will, ein Fenster auf, wobei der Regen, der gerade noch an das Glas geprasselt hat, jetzt auf den Boden fällt. Alles fällt zu Boden, will ich sagen, aber sage nichts. Der Papa aber schreit zum Fenster hinaus: «Der Alexander ist tot.» Ich setze mich auf und suche meine Siefel ohne aufzustehen.“
Unter dem Bett sagst du, da liegen entweder die Geister oder die Schatten, und mitten in der Nacht kriechen sie heraus, erschrecken dich oder nehmen dich mit. Wenn man aber selbst unter dem Bett liegt, die ganze Nacht, dann ist man in Sicherheit. „Ich hab aber nicht unter dem Bett gelegen, sondern oben drauf auf dem Bett“ sagst du, während die Betrunkenen unten auf der Straße zu singen beginnen und wir hier oben, in meiner Wohnung, ich auf dem Stuhl und du unsichtbar am Boden, lange Zeit schweigen.
„Es hat tatsächlich stark geregnet, das weiß ich noch, weil der Papa, nachdem er mir die Stiefel, meine damals schon sehr alten, von der Schwester geerbten Gummistiefel, angezogen hatte, die Enden meiner Pyjamahose hineinsteckte, ohne mir ins Gesicht zu blicken, ohne mich fragend anzusehen, ob denn die Stiefel nicht zu eng wären, so wie man das aus den Filmen kennt, wenn ein Vater dem Kind die Gummistiefel anzieht, zumindest aus den Filmen, in denen der Alexander mitgespielt hat und die man an jedem Wochenende im Fernsehen sehen kann. Daran habe ich denken müssen, als mir der Papa den mir viel zu großen Regenmantel übergezogen hat mit einer Hand und, wie er gesagt hat, mich «am liebsten zum Fenster hinaus» geworfen hätte, weil ich, immer noch am Bett sitzend, mich nicht rühren konnte. Die Tochter vom Alexander, dachte ich, ist auch ein Kind, das Kind vom Alexander und ist mitten in der Nacht gestorben, es kam mir vor, als wäre sie gerade eben gestorben, wäre mit ihrem Fahrzeug, das sie kaum lenken kann, von der Strasse abgekommen, denn die Füße zappeln in der Luft, anstatt das Gaspedal zu drücken, nur hie und da kann sie es erreichen und neuen Schwung für ein paar Meter holen. Es kam mir vor, als wäre sie mit ihrem viel zu großen Auto auf der nassen Fahrbahn ins Schleudern gekommen, wie man sagt und gegen einen Baum oder in eine Grube gefahren und auf der Stelle tot gewesen. Ich stellte mir vor, dass ich, wenn ich mich auf den Weg zum Saska mache, an dem brennenden Auto vorbei gehen würde, mit meinen Gummistiefeln in Pfützen tretend und mich nur hinüberschielen trauen würde zu dem Fahrzeug, in dem der tote Körper der Tochter vom Alexander an die Windschutzscheibe gedrückt, die Augen geöffnet, zu mir herüberschauen würde, zu mir, der ich der einzige Mensch weit und breit wäre. Ich aber hätte den Schritt beschleunigt und mir, wie ich mir damals vorstellte, den Kragen meines tropfenden Regenmantels hochgesteckt. Daran dachte ich, während ich mich nicht von der Stelle rühren konnte, mit den Stiefeln wie angewurzelt am Boden geklebt bin und der Papa, ganz rot vor Wut, wieder auf das Bett gesprungen ist und breitbeinig mit der Zeitung auf mich einschlug. Erst später habe ich erfahren, dass die Tochter vom Alexander am hellichten Tag gestorben ist, mitten auf der Straße von einem anderen Auto zerdrückt worden ist, und noch an Ort und Stelle verstorben ist, und zwar auf einer Insel in Thailand.“
Die Betrunkenen sind fort gezogen, so wie der Regen, gemeinsam haben sie das Weite gesucht, während du das Enge suchst, da mitten in der Nacht unter meinem Bett. Und jetzt komme ich zu dir, ziehe mir meinen nun getrockneten Mantel aus, lasse ihn zu Boden fallen auf alles andere und krieche, nachdem ich das Fenster schliesse, zu dir.
Du sagst: „Der Papa hat Unrecht gehabt, denn der Alexander ist erst viel später gestorben und so hat der Saska, der auf den Brendel getippt hat, der ein Musiker war und kein Schauspieler, gewonnen.“ „Ich weiß“, sage ich und sage nichts.
Lebensmensch - 2009-05-24 16:30
Ein leeres Blatt, aber zumindest ein Blatt. Es soll gefüllt werden.
Die Sprache finden. Wie mühsam! Warum findet die Sprache nicht mich? Vieles andere fällt einem ja auch zu. Man sagt, das Wichtigste im Leben könne man (ohnehin) nicht planen, das falle einem zu, sagt man und ähnliches. Ich muss mich jedenfalls aufraffen, ganz fürchterlich aufraffen, um überhaupt zu schreiben. Wie aufstehen an einem Sonntag Morgen: nur um nicht liegen zu bleiben. Schreiben nur um nicht nicht zu schreiben. Also Erwartungen erfüllen vielleicht. Seinem Leben einen Sinn, nicht nur faul, etwas erreichen, archivieren usw.
Ich beschäftige mich, Uni-mäßig, jetzt mit Josef Winkler. In seiner Büchnerpreisrede beschreibt er (wiedereinmal) seinen Spracherwerb : „… und ich schreibe, immer wieder an die im Heustadl pendelnden Füße der beiden leblosen Buben vor Augen, Nacht für Nacht ein über tausend Seiten langes Tagebuch…“ Aus der Not eine Tugend, das Schreiben als Befreiungsschlag gegen die Sprachlosigkeit des sozialen Umfeldes, das geschriebene Wort als Lebensretter, im Hintergrund steht drohend das antreibende Trauma, der Selbstmord zweier Freunde, es zwingt zur Sprache. Was aber tun wenn das Trauma ausbleibt, wenn die Kindheit sich erträglich gestaltete, wenn die Ventile stets geöffnet sein durften und schon ganz viel hinausgefloßen ist, viel an Wut und klugen Folgen, ins Nichts hinausgefloßen ist, ohne es auf Papier zu bannen? Wenn es nur so wenig zu sagen gibt. Aber: Über mich selbst schreiben, will ich ohnehin nicht zu meinem literarischen Programm machen. Nichts persönliches nach außen stülpen, höchstens in sorgfältig verpackten Formulierungen, die verschleiern. So macht man das, aber auch nicht alle. Winkler schreibt ganz unverholen, wenn auch zu Beginn seines Schaffens in sehr avantgardistischem Stil, sehr verweigend, alles Erzählen, ganz im (österreichischen) Literatursinn, verweigernd und alles mühsam machend. Mittlerweile schreibt er ganz anders: „Es war noch kein literatischer Ehrgeiz, es waren Wortanfälle, ich wollte mich schreibend dazuhängen zu den beiden Buben (...) ich konnte nicht leben und nicht sterben, ich musste und konnte nur lesen und schreiben, um nicht von einem tintenbeckleksten Löschpapier aufgesaugt zu werden und hinter meinem eigenen Rücken zu verschwinden für alle Zeiten.“
Das Verschwinden, das Löschpapier, das alle leren Papiere ja sind, weil es auslöschen lasst, aus dem Gedächtnis nichts herausholt sondern der Heimsuchung durch das Vergessen unbeteiligt zusieht. Alle Erinnerung verwischt dann zu einem Einheitsmischbrei, zu einer blassen Ahnung, wie es wohl gewesen war, im Grunde zu einer blassen Ahnung wie es gewesen sein könnte. Oder zur Verklärung. Wahrscheinlich zu allem. Freilich, auch eine Notitz ist bereits Erinnerung, nur: Worte haben, zumindest regelmäßig, etwas konkretes. Also lieber eine konkrete, unveränderliche, also schriftliche Aufzeichnung, auch wenn diese nur eine Bestandaufnahme ist und von meinem Ich geschrieben wurde, das jünger und also dümmer ist, lesen, als sich in dem sentimentalen und naturgemäß immer melancholischen Erinnerungsbrei baden zu müssen. Ihn trinken müssen.
Ich habe früher Tagebuch geschrieben und schreibe heute nichts mehr.
Lebensmensch - 2009-03-15 22:19