Mittwoch, 11. Dezember 2013

Diese Scheißangst vor der Phantasie: Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive"

OMG! Dank B. hatte ich eine Freikarte für die Deutschlandpremiere von Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive. Und ja: JJ himself war auch da, hat kurz gesprochen und nach dem Film sogar mit seiner Band gespielt. Und ja: Er ist so, wie man ihn sich vorstellt: Ungemein sympathisch, ungemein klug und natürlich extrem gutaussehend. Und so ziemlich genau dasselbe läßt sich auch über seinen neuen Film sagen. (und weil es mit dem kinostart für (normal)sterbliche noch bis nach weihnachten dauert, verrate ich hier nichts wichtiges)

Von Franz Schubert bis Jack White
Als Vampir hat mans auch nicht leicht dieser Tage: Die Umweltverschmutzung nimmt zu und die Menschen leben ungesund. Das heißt: Gutes Blut ist schwer zu bekommen. Außerdem kann man ja heutzutage nicht einfach irgendjemanden aussaugen, das wäre einfach so "fucking 15. century!". Überhaupt haben Vampire weit menschlichere Probleme, als man glauben mag (nur Geldsorgen plagen sie keine). Aber es gibt etwas, wofür es sich zu leben lohnt: Die Liebe zueinander und aber vor allem: Die Liebe zur Kunst. Im Mittelpunkt von Only Lovers stehen zwei solcher sich liebender Vampire, deren Namen auch nur in einem Jarmusch Film so lauten dürfen: Denn sie heißen (sind?) tatsächlich Adam und Eve.
Adam und Eve sind Vampire, wie man sie sich immer gewünscht hat. Sie sind der wahr gewordene feuchte Traum von Jorge Luis Borges, sie sind die ultimativen Intellektuellen. Es gibt keine Sprache, die sie nicht sprechen, kein Instrument, das sie nicht beherrschen, keine Wissenschaft, die sie nicht studiert hätten. Und einen verdammt guten Geschmack haben sie auch. So steht in Eves Bücherregal neben Don Quijote und Kafkas Verwandlung auch Infinite Jest, sie lieben Jack White ebenso wie Franz Schubert. Adam ist zudem ein genialer Komponist und Musiker, nur leider halt so Öffentlichkeitsscheu. Und so kann Jarmusch auch darüber phantasieren, welche Musik denn nun Adam, dieser vielleicht größte aller Musiker, im Jahre 2013 so schreiben und spielen würde (was umso witziger ist, weil ja u.a. Jarmusch selbst den Soundtrack eingespielt hat.) Aber wie es eben so ist mit den Intellektuellen: Irgendwie sind sie immer Außenseiter, müssen Repressionen fürchten und verzweifeln ganz schön an der Welt und den blöden blöden Menschen, die der suizidale Adam treffend Zombies nennt. Eve hingegen bereitet die bedingungslose Liebe zur Literatur und Natur ein erfülltes Leben. Überhaupt ist Eve die zauberhafteste Figur, die man sich vorstellen kann und ohne jede Frage der coolste Vampir, den die Welt je gesehen hat. (Sorry Eric Northman!)
Ebenso cool wie Adam und Eve ist auch ihr Freundeskreis. Denn Eves bester Freund (ebenfalls Vampir), ist kein geringerer als Christopher Marlowe, der zweite große Dramatiker des elisabethanischen Zeitalters neben Shakespeare. Und klar: wenn man schon mal Marlowe auf die Leinwand bringt, muss natürlich auch endlich das ewige Rätsel gelüftet werden, wer von den beiden, Shakespeare oder Marlowe, denn nun wirklich den Hamlet geschrieben hat - auch diesen Spaß kann sich Jarmusch nicht verkneifen. Es ist nur leider die fast schon brachiale Art dieses Humors, die so ganz im Gegensatz zu dem poetischen Fluß der visuellen Erzählung steht. Es sind diese zu häufig und zu deutlich erzählten Witzchen, die keine Anspielungen, sondern eher Holzhammer sind. Die Figuren reden nicht miteinander, sondern müssen dem Publikum alles erklären, was gar nicht nötig wäre, denn nicht nur die Vampire sollen im Dunklen gelassen werden, auch wir wollen dort sein. Hier hätte dem langsamsten aller Filmemacher ein bisschen mehr Gemächlichkeit gut getan. (Aber wer hätte das gedacht, dass es ausgerechnet Jim Jarmusch einmal an gutem Humor fehlt?)

A Match made in Heaven
Adam wohnt im düsteren Detroit, dieser vom Kapitalismus ausgesaugten, leblosen Stadt und Eve in Tanger, Marokko. Eine wunderschöne Kombination. Und auch wenn Adam mehr der Bastler und Eve mehr die Naturkennerin ist, bedient der Film keine Sekunde lang nervige Geschlechterstereotypen. Zu universal und gleichzeitig zu individualistisch ist das zum dritten Mal verheiratete moderne Paar, das sich auch mal eine Zeit lang (und man kann nur ahnen, wie lange das sein mag) eine Fernbeziehung gönnt. Adam und Eve sind Antagonisten, aber nicht schwarz/weiß, nicht Tag/Nacht. Sie ergeben ein großes Ganzes, ohne aber den Anspruch einer Totalität, sind ein Puzzle, das nie zum Ende kommt. Diese Figuren-Konstellation, dieses unsterbliche Liebespaar so gut hinzubekommen, das ist die vielleicht größte Leistung dieses Films. Umso störender, dass mit der Figur von Eves Schwester eine völlig unnötige und flache Figur auftaucht, die dem Film überhaupt nicht mehr hinzufügt, als das hübsche Gesicht der Mia Wasikowska. Ich hätte das nicht gebraucht. Ich hätte mir 5 Stunden lang Adam und Eve anschauen können, wie sie Bücher in allen Sprachen und Schriften lesen, kostbare Gitarren streicheln und Pflanzen mit ihren lateinischen Namen begrüßen. Dazu der grandiose Soundtrack dieses Films, die wunderbare Ausstattung und natürlich die über Allem schwebende Tilda Swinton (der man anmerkt, wie sehr sie sich mit Eve indentifizieren kann). In seinen guten Momenten ist dieser Film so erhaben, wie seine Heldin.

Die Welt muss poetisiert werden
Und erhaben sind Jarmuschs Filme für mich auch über den Vorwurf des Unpolitischen, weil sie eine Gegenrealität entwerfen, einen anderen Blick, der jedoch weder naiv noch kitschig ist. So steht Jarmusch gewissermaßen ganz in der Tradition der deutschen Frühromatik, mit ihrem Diktum, dass die Welt romantisiert / poetisiert werden müsse. Novalis: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Aussehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ Aber dazu sind die Zombies eben zu feige, denn es ist diese "Scheißangst vor ihrer Phantasie", wie Adam es formuliert, die die Menschen in den Kerker ihrer Tristesse sperrt - und die Nachtigall Adam mit dazu. Es bräuchte eben mehr Robertos, die legendäre Figur aus Jarmuschs Down by Law ("gespielt" von Roberto Begnigni), der in der Gefängniszelle ein Fenster an die Wand zeichnet und nach Icecream verlangt. Denn er ist es, der den Ausbruch aus dem Gefängnis organisiert und dabei nicht nur sich selbst befreit. Vielleicht treffen Adam und Eve den unverwüstlichen Roberto ja mal - und saugen ihn auf die dunkle (dh helle) Seite der Welt. Denn wir wissen: Nur diejenigen, die lieben, überleben.

leistung und vergnügen

Franz-Xaver Franz Drama-Queen

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