mitten in der nacht
Er, sagst du, der Vater, hat dich in jener Nacht, und zwar mitten in der Nacht, nicht erst kurz nachdem du in den Dachboden auf dein Zimmer und ins Bett gegangen bist, sondern als du, wie du sagst, dich bereits in einer tiefen Schlafphase befunden hattest, aus dem Schlaf gerissen damals und mit voller Wucht. Du sagst: „Er stürmt in mein Zimmer, reißt die Türe auf ohne anzuklopfen und ich die Augen. Ich glaube, dass ich kein Recht habe, etwas zu sagen“, sagst du, „und sage nichts. Schon steht er mit beiden Beinen auf meinem Bett, in der linken, bereits erhobenen Hand, eine zusammengerollte Zeitung und er schlägt damit auf meinen Kopf, schlägt damit auf meinen Kopf, er schlägt damit auf meinen Kopf, auf meinen Kopf.“
Als du das sagst, sehe ich kurz Fingerspitzen unter dem Bett hervorblitzen, vielleicht aber auch glaube ich nur das zu sehen, um zumindest irgendetwas zu sehen, das mir ein Zeichen gibt oder eine Gewißheit oder eine Bestätigung über die Richtigkeit deiner Erzählung. Du aber bleibst unsichtbar. Endlich nehme ich Platz, wische den Stapel an Kleidung vom Stuhl, alles fällt zu Boden, und setze mich, ohne mir den immer noch tropfenden Regenmantel auszuziehen.
„Dann erst hat der Vater gesprochen, oder eigentlich geschrien: «Die Tochter vom Alexander ist gestorben.» so der Papa «jetzt macht ers nicht mehr lang! Zuerst die Tocher und dann der Vatta, weil das überlebt er nicht, das Schwein. Das raubt ihm jeden Lebenswillen, in ein paar Tagen ist er tot.“ schreit er und schlägt damit auf meinen Kopf. «Du komm jetzt, steh auf du faules Schwein, jetzt ist es mitten in der Nacht, steh auf jetzt und geh zum Saska rüber, weck ihn auf, das faule Schwein, und sag ihm: Die Tochter vom Alexander ist gestorben! Das sagst du ihm und dann, wenn er die Augen aufreisst, sagst du ihm, bevor er etwas sagen kann, Kind, das ist wichtig, dass du ihn gar nicht zu Wort kommen lässt, damit ihm der Schock, den ihn sicher wegen dem Tod der Tochter vom Alexander befallen wird, im Hals stecken bleibt, dann also sagst du ihm: Jetzt macht ers nicht mehr lang, das Schwein, der Alexander, das soll ich dir vom Vatta sagen», so mein Papa zu mir, als ich noch keinen Fuß aus dem Bett tun konnte und mir wünschte, ich würde unter dem Bett liegen, nicht oben drauf, wo mich jeder und vor allem der Papa finden kann, sondern unten, unterm Bett will ich sein. Der Papa aber hat mir die Decke schon weggerissen gehabt, als er wieder lautstark zu schreien begann: «Ich wollt mich schon schlafen legen, als ich in der Zeitung die Nachricht entdeckt habe, dass die Tochter vom Alexander gestorben ist, stell dir vor. Den ganzen Tag schon hab ich die Zeitung gelesen, von vorn bis hinten, wie ich geglaubt hab, aber erst jetzt, mitten in der Nacht hab ich…» hat der Papa gesagt und hat gar nicht fertiggesprochen, sondern sich auf mein Bett gesetzt, in der Linken immer noch die zusammengerollte Zeitung, und tief ausgeatmet. «Dass ich das noch erleben darf…» Dass ich das noch erleben darf, hat er gesagt“, sagst du und schweigst.
Ich sehe den Berg an Kleidung neben meinem Stuhl und sehe das Bett unter dem du dich verkrochen hast, schon bevor ich in meine Wohnung kam, Gott weiß wie lange du schon da unten liegst, ich werde dich nicht fragen, aber jetzt stehe ich auf, öffne das Fenster und höre die Betrunkenen schreien. Ich zünde mir keine Zigarette an, obwohl ich Lust dazu hätte, aber irgendetwas hält mich davon ab, stattdessen setze mich wieder. Du sagst: „Der Papa hat lange nichts gesagt, sondern hat auf seine zusammengerollte Zeitung geschaut. Ich habe gehofft weiterschlafen zu können und wieder meine Augen geschlossen, als mich die Zeitung mitten ins Gesicht getroffen hat. „Nicht einschlafen! Geh jetzt zum Saska. Zieh die Stiefel an, weil es regnet, und lauf.» Er steht auf und geht im Zimmer herum. Papa beginnt zu lachen, als er wieder auf die Zeitung blickt, ganz hemmungslos wie er das sonst nur betrunken macht, und jetzt geht er zum Fenster und macht mit einer Hand, weil er die Zeitung nicht loslassen will, ein Fenster auf, wobei der Regen, der gerade noch an das Glas geprasselt hat, jetzt auf den Boden fällt. Alles fällt zu Boden, will ich sagen, aber sage nichts. Der Papa aber schreit zum Fenster hinaus: «Der Alexander ist tot.» Ich setze mich auf und suche meine Siefel ohne aufzustehen.“
Unter dem Bett sagst du, da liegen entweder die Geister oder die Schatten, und mitten in der Nacht kriechen sie heraus, erschrecken dich oder nehmen dich mit. Wenn man aber selbst unter dem Bett liegt, die ganze Nacht, dann ist man in Sicherheit. „Ich hab aber nicht unter dem Bett gelegen, sondern oben drauf auf dem Bett“ sagst du, während die Betrunkenen unten auf der Straße zu singen beginnen und wir hier oben, in meiner Wohnung, ich auf dem Stuhl und du unsichtbar am Boden, lange Zeit schweigen.
„Es hat tatsächlich stark geregnet, das weiß ich noch, weil der Papa, nachdem er mir die Stiefel, meine damals schon sehr alten, von der Schwester geerbten Gummistiefel, angezogen hatte, die Enden meiner Pyjamahose hineinsteckte, ohne mir ins Gesicht zu blicken, ohne mich fragend anzusehen, ob denn die Stiefel nicht zu eng wären, so wie man das aus den Filmen kennt, wenn ein Vater dem Kind die Gummistiefel anzieht, zumindest aus den Filmen, in denen der Alexander mitgespielt hat und die man an jedem Wochenende im Fernsehen sehen kann. Daran habe ich denken müssen, als mir der Papa den mir viel zu großen Regenmantel übergezogen hat mit einer Hand und, wie er gesagt hat, mich «am liebsten zum Fenster hinaus» geworfen hätte, weil ich, immer noch am Bett sitzend, mich nicht rühren konnte. Die Tochter vom Alexander, dachte ich, ist auch ein Kind, das Kind vom Alexander und ist mitten in der Nacht gestorben, es kam mir vor, als wäre sie gerade eben gestorben, wäre mit ihrem Fahrzeug, das sie kaum lenken kann, von der Strasse abgekommen, denn die Füße zappeln in der Luft, anstatt das Gaspedal zu drücken, nur hie und da kann sie es erreichen und neuen Schwung für ein paar Meter holen. Es kam mir vor, als wäre sie mit ihrem viel zu großen Auto auf der nassen Fahrbahn ins Schleudern gekommen, wie man sagt und gegen einen Baum oder in eine Grube gefahren und auf der Stelle tot gewesen. Ich stellte mir vor, dass ich, wenn ich mich auf den Weg zum Saska mache, an dem brennenden Auto vorbei gehen würde, mit meinen Gummistiefeln in Pfützen tretend und mich nur hinüberschielen trauen würde zu dem Fahrzeug, in dem der tote Körper der Tochter vom Alexander an die Windschutzscheibe gedrückt, die Augen geöffnet, zu mir herüberschauen würde, zu mir, der ich der einzige Mensch weit und breit wäre. Ich aber hätte den Schritt beschleunigt und mir, wie ich mir damals vorstellte, den Kragen meines tropfenden Regenmantels hochgesteckt. Daran dachte ich, während ich mich nicht von der Stelle rühren konnte, mit den Stiefeln wie angewurzelt am Boden geklebt bin und der Papa, ganz rot vor Wut, wieder auf das Bett gesprungen ist und breitbeinig mit der Zeitung auf mich einschlug. Erst später habe ich erfahren, dass die Tochter vom Alexander am hellichten Tag gestorben ist, mitten auf der Straße von einem anderen Auto zerdrückt worden ist, und noch an Ort und Stelle verstorben ist, und zwar auf einer Insel in Thailand.“
Die Betrunkenen sind fort gezogen, so wie der Regen, gemeinsam haben sie das Weite gesucht, während du das Enge suchst, da mitten in der Nacht unter meinem Bett. Und jetzt komme ich zu dir, ziehe mir meinen nun getrockneten Mantel aus, lasse ihn zu Boden fallen auf alles andere und krieche, nachdem ich das Fenster schliesse, zu dir.
Du sagst: „Der Papa hat Unrecht gehabt, denn der Alexander ist erst viel später gestorben und so hat der Saska, der auf den Brendel getippt hat, der ein Musiker war und kein Schauspieler, gewonnen.“ „Ich weiß“, sage ich und sage nichts.
Als du das sagst, sehe ich kurz Fingerspitzen unter dem Bett hervorblitzen, vielleicht aber auch glaube ich nur das zu sehen, um zumindest irgendetwas zu sehen, das mir ein Zeichen gibt oder eine Gewißheit oder eine Bestätigung über die Richtigkeit deiner Erzählung. Du aber bleibst unsichtbar. Endlich nehme ich Platz, wische den Stapel an Kleidung vom Stuhl, alles fällt zu Boden, und setze mich, ohne mir den immer noch tropfenden Regenmantel auszuziehen.
„Dann erst hat der Vater gesprochen, oder eigentlich geschrien: «Die Tochter vom Alexander ist gestorben.» so der Papa «jetzt macht ers nicht mehr lang! Zuerst die Tocher und dann der Vatta, weil das überlebt er nicht, das Schwein. Das raubt ihm jeden Lebenswillen, in ein paar Tagen ist er tot.“ schreit er und schlägt damit auf meinen Kopf. «Du komm jetzt, steh auf du faules Schwein, jetzt ist es mitten in der Nacht, steh auf jetzt und geh zum Saska rüber, weck ihn auf, das faule Schwein, und sag ihm: Die Tochter vom Alexander ist gestorben! Das sagst du ihm und dann, wenn er die Augen aufreisst, sagst du ihm, bevor er etwas sagen kann, Kind, das ist wichtig, dass du ihn gar nicht zu Wort kommen lässt, damit ihm der Schock, den ihn sicher wegen dem Tod der Tochter vom Alexander befallen wird, im Hals stecken bleibt, dann also sagst du ihm: Jetzt macht ers nicht mehr lang, das Schwein, der Alexander, das soll ich dir vom Vatta sagen», so mein Papa zu mir, als ich noch keinen Fuß aus dem Bett tun konnte und mir wünschte, ich würde unter dem Bett liegen, nicht oben drauf, wo mich jeder und vor allem der Papa finden kann, sondern unten, unterm Bett will ich sein. Der Papa aber hat mir die Decke schon weggerissen gehabt, als er wieder lautstark zu schreien begann: «Ich wollt mich schon schlafen legen, als ich in der Zeitung die Nachricht entdeckt habe, dass die Tochter vom Alexander gestorben ist, stell dir vor. Den ganzen Tag schon hab ich die Zeitung gelesen, von vorn bis hinten, wie ich geglaubt hab, aber erst jetzt, mitten in der Nacht hab ich…» hat der Papa gesagt und hat gar nicht fertiggesprochen, sondern sich auf mein Bett gesetzt, in der Linken immer noch die zusammengerollte Zeitung, und tief ausgeatmet. «Dass ich das noch erleben darf…» Dass ich das noch erleben darf, hat er gesagt“, sagst du und schweigst.
Ich sehe den Berg an Kleidung neben meinem Stuhl und sehe das Bett unter dem du dich verkrochen hast, schon bevor ich in meine Wohnung kam, Gott weiß wie lange du schon da unten liegst, ich werde dich nicht fragen, aber jetzt stehe ich auf, öffne das Fenster und höre die Betrunkenen schreien. Ich zünde mir keine Zigarette an, obwohl ich Lust dazu hätte, aber irgendetwas hält mich davon ab, stattdessen setze mich wieder. Du sagst: „Der Papa hat lange nichts gesagt, sondern hat auf seine zusammengerollte Zeitung geschaut. Ich habe gehofft weiterschlafen zu können und wieder meine Augen geschlossen, als mich die Zeitung mitten ins Gesicht getroffen hat. „Nicht einschlafen! Geh jetzt zum Saska. Zieh die Stiefel an, weil es regnet, und lauf.» Er steht auf und geht im Zimmer herum. Papa beginnt zu lachen, als er wieder auf die Zeitung blickt, ganz hemmungslos wie er das sonst nur betrunken macht, und jetzt geht er zum Fenster und macht mit einer Hand, weil er die Zeitung nicht loslassen will, ein Fenster auf, wobei der Regen, der gerade noch an das Glas geprasselt hat, jetzt auf den Boden fällt. Alles fällt zu Boden, will ich sagen, aber sage nichts. Der Papa aber schreit zum Fenster hinaus: «Der Alexander ist tot.» Ich setze mich auf und suche meine Siefel ohne aufzustehen.“
Unter dem Bett sagst du, da liegen entweder die Geister oder die Schatten, und mitten in der Nacht kriechen sie heraus, erschrecken dich oder nehmen dich mit. Wenn man aber selbst unter dem Bett liegt, die ganze Nacht, dann ist man in Sicherheit. „Ich hab aber nicht unter dem Bett gelegen, sondern oben drauf auf dem Bett“ sagst du, während die Betrunkenen unten auf der Straße zu singen beginnen und wir hier oben, in meiner Wohnung, ich auf dem Stuhl und du unsichtbar am Boden, lange Zeit schweigen.
„Es hat tatsächlich stark geregnet, das weiß ich noch, weil der Papa, nachdem er mir die Stiefel, meine damals schon sehr alten, von der Schwester geerbten Gummistiefel, angezogen hatte, die Enden meiner Pyjamahose hineinsteckte, ohne mir ins Gesicht zu blicken, ohne mich fragend anzusehen, ob denn die Stiefel nicht zu eng wären, so wie man das aus den Filmen kennt, wenn ein Vater dem Kind die Gummistiefel anzieht, zumindest aus den Filmen, in denen der Alexander mitgespielt hat und die man an jedem Wochenende im Fernsehen sehen kann. Daran habe ich denken müssen, als mir der Papa den mir viel zu großen Regenmantel übergezogen hat mit einer Hand und, wie er gesagt hat, mich «am liebsten zum Fenster hinaus» geworfen hätte, weil ich, immer noch am Bett sitzend, mich nicht rühren konnte. Die Tochter vom Alexander, dachte ich, ist auch ein Kind, das Kind vom Alexander und ist mitten in der Nacht gestorben, es kam mir vor, als wäre sie gerade eben gestorben, wäre mit ihrem Fahrzeug, das sie kaum lenken kann, von der Strasse abgekommen, denn die Füße zappeln in der Luft, anstatt das Gaspedal zu drücken, nur hie und da kann sie es erreichen und neuen Schwung für ein paar Meter holen. Es kam mir vor, als wäre sie mit ihrem viel zu großen Auto auf der nassen Fahrbahn ins Schleudern gekommen, wie man sagt und gegen einen Baum oder in eine Grube gefahren und auf der Stelle tot gewesen. Ich stellte mir vor, dass ich, wenn ich mich auf den Weg zum Saska mache, an dem brennenden Auto vorbei gehen würde, mit meinen Gummistiefeln in Pfützen tretend und mich nur hinüberschielen trauen würde zu dem Fahrzeug, in dem der tote Körper der Tochter vom Alexander an die Windschutzscheibe gedrückt, die Augen geöffnet, zu mir herüberschauen würde, zu mir, der ich der einzige Mensch weit und breit wäre. Ich aber hätte den Schritt beschleunigt und mir, wie ich mir damals vorstellte, den Kragen meines tropfenden Regenmantels hochgesteckt. Daran dachte ich, während ich mich nicht von der Stelle rühren konnte, mit den Stiefeln wie angewurzelt am Boden geklebt bin und der Papa, ganz rot vor Wut, wieder auf das Bett gesprungen ist und breitbeinig mit der Zeitung auf mich einschlug. Erst später habe ich erfahren, dass die Tochter vom Alexander am hellichten Tag gestorben ist, mitten auf der Straße von einem anderen Auto zerdrückt worden ist, und noch an Ort und Stelle verstorben ist, und zwar auf einer Insel in Thailand.“
Die Betrunkenen sind fort gezogen, so wie der Regen, gemeinsam haben sie das Weite gesucht, während du das Enge suchst, da mitten in der Nacht unter meinem Bett. Und jetzt komme ich zu dir, ziehe mir meinen nun getrockneten Mantel aus, lasse ihn zu Boden fallen auf alles andere und krieche, nachdem ich das Fenster schliesse, zu dir.
Du sagst: „Der Papa hat Unrecht gehabt, denn der Alexander ist erst viel später gestorben und so hat der Saska, der auf den Brendel getippt hat, der ein Musiker war und kein Schauspieler, gewonnen.“ „Ich weiß“, sage ich und sage nichts.
Lebensmensch - 2009-05-24 16:30