Ich habe früher Tagebuch geschrieben und schreibe heute nichts mehr.
Ein leeres Blatt, aber zumindest ein Blatt. Es soll gefüllt werden.
Die Sprache finden. Wie mühsam! Warum findet die Sprache nicht mich? Vieles andere fällt einem ja auch zu. Man sagt, das Wichtigste im Leben könne man (ohnehin) nicht planen, das falle einem zu, sagt man und ähnliches. Ich muss mich jedenfalls aufraffen, ganz fürchterlich aufraffen, um überhaupt zu schreiben. Wie aufstehen an einem Sonntag Morgen: nur um nicht liegen zu bleiben. Schreiben nur um nicht nicht zu schreiben. Also Erwartungen erfüllen vielleicht. Seinem Leben einen Sinn, nicht nur faul, etwas erreichen, archivieren usw.
Ich beschäftige mich, Uni-mäßig, jetzt mit Josef Winkler. In seiner Büchnerpreisrede beschreibt er (wiedereinmal) seinen Spracherwerb : „… und ich schreibe, immer wieder an die im Heustadl pendelnden Füße der beiden leblosen Buben vor Augen, Nacht für Nacht ein über tausend Seiten langes Tagebuch…“ Aus der Not eine Tugend, das Schreiben als Befreiungsschlag gegen die Sprachlosigkeit des sozialen Umfeldes, das geschriebene Wort als Lebensretter, im Hintergrund steht drohend das antreibende Trauma, der Selbstmord zweier Freunde, es zwingt zur Sprache. Was aber tun wenn das Trauma ausbleibt, wenn die Kindheit sich erträglich gestaltete, wenn die Ventile stets geöffnet sein durften und schon ganz viel hinausgefloßen ist, viel an Wut und klugen Folgen, ins Nichts hinausgefloßen ist, ohne es auf Papier zu bannen? Wenn es nur so wenig zu sagen gibt. Aber: Über mich selbst schreiben, will ich ohnehin nicht zu meinem literarischen Programm machen. Nichts persönliches nach außen stülpen, höchstens in sorgfältig verpackten Formulierungen, die verschleiern. So macht man das, aber auch nicht alle. Winkler schreibt ganz unverholen, wenn auch zu Beginn seines Schaffens in sehr avantgardistischem Stil, sehr verweigend, alles Erzählen, ganz im (österreichischen) Literatursinn, verweigernd und alles mühsam machend. Mittlerweile schreibt er ganz anders: „Es war noch kein literatischer Ehrgeiz, es waren Wortanfälle, ich wollte mich schreibend dazuhängen zu den beiden Buben (...) ich konnte nicht leben und nicht sterben, ich musste und konnte nur lesen und schreiben, um nicht von einem tintenbeckleksten Löschpapier aufgesaugt zu werden und hinter meinem eigenen Rücken zu verschwinden für alle Zeiten.“
Das Verschwinden, das Löschpapier, das alle leren Papiere ja sind, weil es auslöschen lasst, aus dem Gedächtnis nichts herausholt sondern der Heimsuchung durch das Vergessen unbeteiligt zusieht. Alle Erinnerung verwischt dann zu einem Einheitsmischbrei, zu einer blassen Ahnung, wie es wohl gewesen war, im Grunde zu einer blassen Ahnung wie es gewesen sein könnte. Oder zur Verklärung. Wahrscheinlich zu allem. Freilich, auch eine Notitz ist bereits Erinnerung, nur: Worte haben, zumindest regelmäßig, etwas konkretes. Also lieber eine konkrete, unveränderliche, also schriftliche Aufzeichnung, auch wenn diese nur eine Bestandaufnahme ist und von meinem Ich geschrieben wurde, das jünger und also dümmer ist, lesen, als sich in dem sentimentalen und naturgemäß immer melancholischen Erinnerungsbrei baden zu müssen. Ihn trinken müssen.
Ich habe früher Tagebuch geschrieben und schreibe heute nichts mehr.
Die Sprache finden. Wie mühsam! Warum findet die Sprache nicht mich? Vieles andere fällt einem ja auch zu. Man sagt, das Wichtigste im Leben könne man (ohnehin) nicht planen, das falle einem zu, sagt man und ähnliches. Ich muss mich jedenfalls aufraffen, ganz fürchterlich aufraffen, um überhaupt zu schreiben. Wie aufstehen an einem Sonntag Morgen: nur um nicht liegen zu bleiben. Schreiben nur um nicht nicht zu schreiben. Also Erwartungen erfüllen vielleicht. Seinem Leben einen Sinn, nicht nur faul, etwas erreichen, archivieren usw.
Ich beschäftige mich, Uni-mäßig, jetzt mit Josef Winkler. In seiner Büchnerpreisrede beschreibt er (wiedereinmal) seinen Spracherwerb : „… und ich schreibe, immer wieder an die im Heustadl pendelnden Füße der beiden leblosen Buben vor Augen, Nacht für Nacht ein über tausend Seiten langes Tagebuch…“ Aus der Not eine Tugend, das Schreiben als Befreiungsschlag gegen die Sprachlosigkeit des sozialen Umfeldes, das geschriebene Wort als Lebensretter, im Hintergrund steht drohend das antreibende Trauma, der Selbstmord zweier Freunde, es zwingt zur Sprache. Was aber tun wenn das Trauma ausbleibt, wenn die Kindheit sich erträglich gestaltete, wenn die Ventile stets geöffnet sein durften und schon ganz viel hinausgefloßen ist, viel an Wut und klugen Folgen, ins Nichts hinausgefloßen ist, ohne es auf Papier zu bannen? Wenn es nur so wenig zu sagen gibt. Aber: Über mich selbst schreiben, will ich ohnehin nicht zu meinem literarischen Programm machen. Nichts persönliches nach außen stülpen, höchstens in sorgfältig verpackten Formulierungen, die verschleiern. So macht man das, aber auch nicht alle. Winkler schreibt ganz unverholen, wenn auch zu Beginn seines Schaffens in sehr avantgardistischem Stil, sehr verweigend, alles Erzählen, ganz im (österreichischen) Literatursinn, verweigernd und alles mühsam machend. Mittlerweile schreibt er ganz anders: „Es war noch kein literatischer Ehrgeiz, es waren Wortanfälle, ich wollte mich schreibend dazuhängen zu den beiden Buben (...) ich konnte nicht leben und nicht sterben, ich musste und konnte nur lesen und schreiben, um nicht von einem tintenbeckleksten Löschpapier aufgesaugt zu werden und hinter meinem eigenen Rücken zu verschwinden für alle Zeiten.“
Das Verschwinden, das Löschpapier, das alle leren Papiere ja sind, weil es auslöschen lasst, aus dem Gedächtnis nichts herausholt sondern der Heimsuchung durch das Vergessen unbeteiligt zusieht. Alle Erinnerung verwischt dann zu einem Einheitsmischbrei, zu einer blassen Ahnung, wie es wohl gewesen war, im Grunde zu einer blassen Ahnung wie es gewesen sein könnte. Oder zur Verklärung. Wahrscheinlich zu allem. Freilich, auch eine Notitz ist bereits Erinnerung, nur: Worte haben, zumindest regelmäßig, etwas konkretes. Also lieber eine konkrete, unveränderliche, also schriftliche Aufzeichnung, auch wenn diese nur eine Bestandaufnahme ist und von meinem Ich geschrieben wurde, das jünger und also dümmer ist, lesen, als sich in dem sentimentalen und naturgemäß immer melancholischen Erinnerungsbrei baden zu müssen. Ihn trinken müssen.
Ich habe früher Tagebuch geschrieben und schreibe heute nichts mehr.
Lebensmensch - 2009-03-15 22:19