Sonntag, 13. März 2011

Warten auf Super-GAU

Lässt es sich auf etwas warten, von dem man hofft, dass es nicht eintritt?

Immer am Ball
Und was soll man davon halten, dass der WDR2 in der traditionellen Samstagnachmittag Fußballübertragung "Liga live" seinen Hörern mehrmals versichert, sie über die Entwicklungen in Japan am Laufenden zu halten? Gehört es sich, nicht einfach so weiter zu machen, als ob nichts geschehen wäre? Muss man seinen Hörern klarmachen, Leute: momentan gibt es Wichtigeres als Fußball? Oder aber ist es gerade die besonders perfide Form einer erschütterungssüchtigen Katastrophenberichterstattung, die sich in Dinge einschleicht, die sie nichts angehen? Oder geht uns Japan alle an und wir haben eben nicht das Recht darauf, heute einfach nur Fußball zu hören, ohne den Weltschrecken im Nacken? Ist es scheinheilig, oder Kennzeichen einer solidarischen Globalgesellschaft? Ist das im Plauderton beheimatete Nebeneinander von Abstiegskampf und Super-GAU, eine Perversion, oder aber eine ehrlichere Form, mit den Dingen der Welt umzugehen, als es die Betroffenheitsgottesdienste auf der anderen Seite der Medaille tun? Besteht der Skandal darin, für die völlig unterschiedlichen Phänomene Bundesliga und Natur-, Atomkatastrophe, den beinahe selben Tonfall anzuschlagen? Ist die Form der Liveberichterstattung nicht immer an den Schauder des Ungewissen und Spektakulären gebunden? Übertragt sich die Spannung, das Mitfiebern auf ein weiteres Bayern Tor, oder den erhofften Ausgleich des BVBs, auf die Rezeption der Katastrophe? Und was bewegt mich letztlich mehr? Nicht immer das, was mir vertrauter ist?
In der Warteschleife
Es gibt ja die verschiedensten Arten von Promi-Toden. Der zu erwartende, alte Promis heim-holende, bekommt am wenigsten Titelseite. Dann gibt es die plötzlichen: Jackson und Haider, oft Unfalltode. Und dann gibt es die sich abzeichnenden: Etwa nach einem Attentat, dessen Kugeln nicht sofort tödlich wirken, oder beim altersbedingten Dahinsiechen, siehe Papst oder Arafat. Jede dieser Todesarten hat für den aufregungsabhängigen Medienkonsumenten seinen eigenen Reiz. Der Schock vs das Mitfiebern. Das Erdbeben in Japan, gibt uns beides. Das ist das Schauderliche daran (hinsichtlich der Medienberichterstattung - nichts anderes kann ich über diese Katastrophe erfahren, und am wenigsten die Katastrophe selbst.)
Kaum waren die Nachrichten über Erdbeben und Tsunami eingetroffen, wurden sie von der noch spektakuläreren Meldung des drohenden Super-GAUs aus den obersten Schlagzeilen gejagt: Platz da! Nicht was ist und was war, sondern was sein könnte, findet die größte Aufmerksamkeit. Jede Zeitung berichtet im Internet LIVE von den Ereignissen. Auch das ist neu. Das – wie soll man es nennen? perverse, zynische, logische oder gar nicht so aufregende – Wasauchimmer daran ist eben, dass wir, die wir live dabei sind, in die Warteschleife gepackt werden, noch dazu in die zweite Reihe (die Informationslage könnte ja wahrlich besser sein, böse japanische Regierung), in der man sich ganz besonders hoch streckt, auf den Zehenspitzen wackelnd, in noch größerer Erwartung, ES ZU SEHEN, das Objekt klein a Super GAU. Niemand will es! Niemand! Aber dieses Warten! Da muss man sich die Zeit vertreiben, mit den ansteigenden Opferzahlen, aber auch die nehmen kein Ende! Und kann man überhaupt auf etwas warten, von dem man hofft, dass es nicht eintritt? Ist es tatsächlich die Erleichterung die uns befällt, angesichts der Entwarnung, oder doch die Enttäuschung, die uns beschleicht? Muss man sich Estragon und Wladimir als glückliche Menschen vorstellen, weil Godot nicht kommt? Nie im Leben! Wir warten ja nicht auf die Entwarnung, das haben wir nicht gelernt. Das gibt’s nur im echten Leben, nicht aber im Fernsehen; entschuldigung, diese plumpe Feststellung, aber ich kann nichts dafür. (Es ist eben alles so blöd und ich auch für das noch zu dumm! Und alles was man sagt, ist immer zynisch und immer irgendwo peinlich, weil das was passiert, so grausig und sinnlos ist und sich jedes Kommentar aus der Bequemlichkeitszone... wie auch immer liest.)

leistung und vergnügen

Franz-Xaver Franz Drama-Queen

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